Knallharte Geschäfte mit süßem Beigeschmack

25. Mai 2013, 12:00
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Der Süßwarenmarkt konzentriert sich, für Nostalgie ist wenig Platz. Österreichs Chocolatiers gehen die Rezepte aber nicht aus

Wien - Johannes Bachhalm sieht sich auf dem Scheideweg. Er müsse sich entscheiden, sagt der oberösterreichische Chocolatier, ob er als einer der letzten seiner Zunft großen Handelsketten weiter entsage. Eine Unterschrift bei Konzernen wie Rewe, Spar oder Hofer genüge, um seine Produktion in Kirchdorf völlig auszulasten.

Bei einer günstigen Gelegenheit habe er eine Halle erworben, mit der sich die Kapazität seiner kleinen Manufaktur auf jährlich 400 Tonnen Schokolade mehr als vervierfachen ließe. Aber eigentlich wolle er seinen Weg lieber ohne Supermärkte gehen, sinniert er.

Bachhalm schweben eigene Filialen mit Hilfe von Franchisepartnern vor. " Keine Paläste, maximal 30 Quadratmeter groß, in den Landeshauptstädten, ein paar auch in Deutschland." Das nötige Geld dafür erhofft er sich durch Investoren. An die zwanzig Interessenten hätten schon angeklopft. " Schauen wir einmal, ob es funktioniert."

Zwerg in der süßen Branche

Bachhalm zählt zu den Zwergen der süßen Branche. Mit seinen 20 Mitarbeitern bedient er exklusive Boutiquen, vor allem im Ausland. In Kakaobutter angesetzter Weihrauch hat ihn zum offiziellen Chocolatier des Vatikans gemacht. Der Traum vom Wachstum wird dennoch von Zweifeln begleitet: Was, wenn die Exklusivität weg sei und Qualitätsabstriche drohten? "Gute Kakaobauern sind wie Nadeln im Heuhaufen. Bei über 400 Tonnen Schokolade muss man wilden Kakao mit Plantagenkakao mischen."

Die Österreicher gönnen sich jährlich im Schnitt 30 Kilogramm Süßes, rechnet Josef Domschitz vom Verband der Lebensmittelindustrie vor. 24 Kilo stellt die Industrie, für den Rest sorgen Gewerbebetriebe von Zotter und Heindl über Kastner, Hauswirth, Gaber bis zu Niemetz. Letzterer gehört mit seinen Schwedenbomben nun ins Reich von Meinl.

Josef Zotter ist seiner Nische längst entwachsen. Mit 17 Millionen Euro Umsatz und 2,4 Millionen Gewinn bedient der Steirer die gesamte Palette des Einzelhandels. Jetzt ist China auf dem Radar, wo eine "gläserne Fabrik" in Schanghai entstehen soll.

Arbeiten im Hintergrund

Andere Mittelständler arbeiten lieber im Hintergrund. Die Tiroler Familie Pöll etwa, die mit 270 Mitarbeitern mehr als 60 Mio. Euro umsetzt. Sie zählt zu Österreichs größten Herstellern von Halbfabrikaten wie Marzipan und versorgt Handel wie Industrie mit Private Labels. Mondelez bezieht von ihr etwa exklusiv die Echten Salzburger Mozartkugeln. Mit Kokosrollen und Bobby-Riegeln bewahren die Pölls Nostalgiemarken.

"Es ist ein knallhartes Geschäft und wird für mittelständische Betriebe auch nicht einfacher", resümiert Wilfried Rogler, Prokurist ihrer Salzburg Schokolade GmbH und seit 20 Jahren im Unternehmen. Was an Größe fehle, mache man mit Flexibilität und Service wett. "In Industrie wie im Handel konzentriert sich der Markt." Der Diskont wachse ebenso wie der Druck auf der Rohstoffseite - und diese Preisspirale schmerze. " Österreich allein wäre als Markt für uns zu klein." Mehr als die Hälfte des Sortiments geht daher in den Export.

Der Familienbetrieb behauptet sich in Supermärkten gegen internationale Riesen. Gegen Mars et- wa mit seinen weltweit mehr als 19 Milliarden Euro Umsatz und 132 Fabriken. Eine steht in Breitenbrunn und ist auf vollautomatische Waffelerzeugung spezialisiert. Twix, Bounty, Malteser wie Snickers gehen auf das Konto der Amerikaner. Kraft Foods, seit kurzem Mondelez, schwang sich vor drei Jahren mit dem Kauf der britischen Cadbury zum weltgrößten Süßwarenhersteller auf. In Bludenz fertigt der US-Konzern mit 350 Beschäftigten Milka-Tafeln.

Lindt & Sprüngli schluckte 1994 in Österreich Hofbauer und lässt in Gloggnitz von gut 280 Mitarbeitern Schweizer Süßes herstellen.

Auch Handelsketten selbst mischen mit: Hofer betreibt in Sattledt seit 1997 mit 43 Mitarbeitern eine Schokotafelfabrik. 8700 Tonnen der Eigenlabels Choceur, Bella und Riquet gehen dort jährlich vom Band - und vielfach bis nach Australien, wie Hofer-Chef Friedhelm Dold bestätigt.

Starke Familienbande

Gelüsten internationaler Multis stets widerstanden hat Manner. 90 Prozent der Aktien des börsennotierten Schnittenherstellers sind in Hand dreier Familien, "und diese", sagt Finanzchef Albin Hahn, "denken nicht daran, zu verkaufen". Der Enkel des Gründers, Carl Manner, sei mit seinen 83 Jahren nach wie vor täglich präsent. Jeder Monatsabschluss werde mit ihm besprochen, regelmäßig über Strategie und Expansion diskutiert.

Manner investiert in den kommenden drei Jahren bis zu 40 Millionen Euro in Wien und schließt im Gegenzug den Standort Perg. Dass aus der Übernahme von Niemetz nichts geworden ist, nimmt Hahn sportlich. Mehr als fünf Millionen Euro seien zu viel gewesen. "Am Ende des Tages muss man damit ja auch Geld verdienen."

Der Chocolatier Hansjörg Haag sucht das Glück lieber weiter im Kleinen. " Ich will so bleiben, wie ich bin, ich brauch nicht mehr." Von Ideen für Supermärkte ist er abgekommen. Er wolle seine Spezialitätenhändler nicht verlieren, die ihn aufbauten. 200.000 Tafeln der Tiroler Edlen kommen jährlich aus seinen Händen. Regionale Grauviehbauern liefern ihm die Milch nach Landeck, Kakao kauft er direkt in Venezuela und Ghana. Seine größte Expansion liegt vier Jahre zurück: "Da habe ich die Produktion von vier auf zwölf Quadratmeter erweitert." (Verena Kainrath, DER STANDARD; 25.5.2013)

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