"Freiwillig werden Machtpositionen nicht aufgegeben"

24. Mai 2013, 18:48
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Wie könnte die gesellschaftskritische Zeitschrift "Die schwarze Botin" (1976-1987) heute aussehen?

Barbara Ehnes hat für die Festwochen eine Sondernummer erarbeitet und lässt den Diskurs auch auf der Bühne stattfinden. Margarete Affenzeller fragte nach.

Wien - Radikale Druckwerke wie die zwischen 1976 und 1987 in Berlin erschienene feministisch-literarische Zeitschrift Die schwarze Botin gibt es heute nicht mehr. Das zunächst von Brigitte Classen und Gabriele Goettle herausgegebene Periodikum hat mit der Power der damaligen Frauenbewegung kompromisslos einen herrschaftskritischen Diskurs geführt, der heute fehlt. Die Zeitschrift hatte auch Redaktionen in Wien (Elfriede Jelinek) und Paris (Marie-Simone Rollin).

Wie würde die Schwarze Botin heute aussehen, dreißig Jahre später? Barbara Ehnes hat die Protagonistinnen von damals (Ginka Steinwachs, Heidi von Plato, Mona Winter) mit jenen von heute, jungen feministischen Literaturwissenschafterinnen, zu Redaktionskonferenzen zusammengeführt. Aus den Diskussionen über die Texte von damals und ihre Gültigkeit heute entstand ein Theaterprojekt für die Wiener Festwochen, das am 5. Juni im Schauspielhaus Uraufführung hat. Als Parcours ist die dabei entstandene Sondernummer Die schwarze Botin - remastered and remistressed 2013 vorab in der Akademie der bildenden Künste zu sehen.

STANDARD: Das Wort "remistressed?

Ehnes: ... ist erfunden. Ich dachte, im Zuge der Gender-Debatte sollte man das "remastern" auch in weiblicher Form anwenden. Es stammt von Ginka Steinwachs.

STANDARD: Haben Sie eine persönliche Verbindung zur "Schwarzen Botin?

Ehnes: Ich hab sie als 16-, 17-Jährige entdeckt im Frauenbuchladen, und war von der Radikalität dieser Zeitung sehr angefixt. Die Texte waren für mich richtige Guidelines. Ich habe dadurch viele Autorinnen entdeckt wie Gisela von Wysocki oder Elfriede Jelinek. Jelinek hat von Anfang an sehr viel und regelmäßig geschrieben.

STANDARD: Die Zeitschrift galt als satirisch - inwiefern?

Ehnes: Schwarzer Humor hat eine ganz wichtige Rolle gespielt. Daher kommt auch der Name. Es waren zum Teil bitterböse Abrechnungen mit gesellschaftlichen Situationen für Frauen mit einem sehr scharfen Grundton. Satirisch insofern, als beispielsweise auch Jelineks Texte heute satirisch wirken. Man kann lachen, zugleich aber bleibt einem das Lachen im Hals stecken.

STANDARD: Haben Sie Elfriede Jelinek zur jetzigen Sondernummer befragt?

Ehnes: Ja, und es gibt ein sehr schönes Zitat von ihr zum Thema Lachen: " Mein Lachen hat nichts Surreales. Es ist das Erschrecken meiner Sprache vor sich selbst und ihr Versuch, selber von sich aus zu sprechen. Vielleicht weil der Subjektstatus der Frau so fragil ist und sie sich oft feuilletonistisch äußern muss, immer für alle anderen mit. Weil sie aus ihrer Inferiorität, in die die Gesellschaft sie drängt, herauskommen möchte."

STANDARD: Gab es eine Nachfolgezeitschrift zur "Schwarzen Botin"?

Ehnes: Nein, in der Form nicht, soweit ich weiß. Es gibt heute zum Beispiel Fiber - Zeitschrift für Feminismus und Popkultur, das Missy Magazine, auch die Anschläge. Die Ausrichtung ist jeweils ein wenig anders. Ich denke, die Stärke der Schwarzen Botin war die theoretische Ausrichtung, auch die sehr kompromisslose Publikationsform, Texte wurden ungekürzt abgedruckt. Konsumierbarkeit stand nicht im Vordergrund, sondern der Entschluss, die Dinge in ihrer Sperrigkeit zu belassen.

STANDARD: Ein herrschaftskritischer Diskurs findet heute nicht wirklich statt. Frauen nehmen bei der Hochzeit wieder den Namen des Mannes an. Warum ist das kein Thema mehr?

Ehnes: Es gibt meiner Meinung nach einen Rückschritt im Vergleich zu den 1980er-Jahren. Diskussionen über Kinderspielsachen hören sich heute ja so an, als wäre darüber in den letzten Jahrzehnten nie gesprochen worden. Es gibt derzeit wieder eine ganz starke Zuteilung in Mädchen und Jungen. Auch in der Werbung bin ich immer wieder erstaunt, wie rückschrittlich sie ist im Umgang mit sexistischen Darstellungen.

STANDARD: Warum ist die Energie gegenzusteuern weg?

Ehnes: Ich denke, heute ist der Druck, am Arbeitsmarkt oder gesellschaftlich zu funktionieren, enorm geworden. Der drängt alles andere an den Rand. Es ist so viel existenzieller als in den 1980er-Jahren. Ich bin mit dem Lebensgefühl aufgewachsen, dass ich alles machen kann. Der Druck heute bedeutet mehr Anpassung, d. h. auch Anpassung an Geschlechterrollen. Denn das Nicht-einordenbar-Sein schafft in der Gesellschaft möglicherweise Verunsicherung. Das spüre ich auch bei den Studierenden, dass die Existenzangst heute viel größer ist als damals. In der Generation von Frauen wie Heidi von Plato oder Mona Winter war es noch "relaxter" als bei mir. Karriere war für sie kein Thema. Es ging eher um das Suchen nach Nischen. In meiner Generation war das schon anders, da war schon wichtig, dass man irgendwann den Abschluss macht.

STANDARD: Wird dieses "Funktionieren" vom Bildungssystem herbeigeführt?

Ehnes: Ja, es gibt heute wenig Raum zur freien Entwicklung. Viele der " Schwarzen Botinnen" haben Universitätslaufbahnen hinter sich wie Elisabeth Lenk oder Gisela Dischner, die genau das am Bildungssystem heute kritisieren: Es gibt einen massiven Druck, die Ausbildung möglichst effizient zu absolvieren. Studiengänge werden auch danach beurteilt, ob die Absolventen in der Regelstudienzeit abschließen. Ich hab lange studiert, und ich kann sagen, es hat meinem Leben alles andere als geschadet. Das geht heute gar nicht mehr.

STANDARD: Was halten Sie von der Quote im Kulturbetrieb?

Ehnes: Ich halte viel von der Quote, ganz klar. Freiwillig werden vermutlich Einkünfte nicht reduziert und Machtpositionen nicht aufgegeben. Und warum sollte es weniger begabte Künstlerinnen als Künstler geben? Gerade in der künstlerischen Ausbildung studieren mehr Frauen, die ich auch gerne perspektivisch an entscheidenden Positionen im Kulturbetrieb wiederfinden möchte. (Margarette Affenzeller, DER STANDARD, 25./26.5.2013)

  • Barbara Ehnes, geboren 1963 in Springe (Niedersachsen), war als maßgebliche Bühnenbildnerin etwa im künstlerischen Leitungsteam der Münchner Kammerspiele Frank Baumbauers tätig, ausgezeichnet u. a. mit dem Bühnenpreis Opus. Bei den Wiener Festwochenstellt sie nach " Istanbul, Transgelinler" heuer ihr zweites Theaterprojekt vor. Sie unterrichtet an der Hochschule der bildenden Künste Dresden.
    foto: privat

    Barbara Ehnes, geboren 1963 in Springe (Niedersachsen), war als maßgebliche Bühnenbildnerin etwa im künstlerischen Leitungsteam der Münchner Kammerspiele Frank Baumbauers tätig, ausgezeichnet u. a. mit dem Bühnenpreis Opus. Bei den Wiener Festwochenstellt sie nach " Istanbul, Transgelinler" heuer ihr zweites Theaterprojekt vor. Sie unterrichtet an der Hochschule der bildenden Künste Dresden.

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