"Der Gipfel des Selbstbetrugs"

Interview24. Mai 2013, 17:35
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Eine Everest-Besteigung mache "niemals Spaß", sagt Reinhold Messner. "Parasitäre Bergsteiger" regen ihn mehr auf als Touristen auf dem "am besten vorbereiteten Klettersteig". Bergsteiger seien heute jedenfalls keine Helden mehr

Standard: Vor 60 Jahren, am 29. Mai 1953, haben Edmund Hillary und Tenzing Norgay den Mount Everest erstbestiegen. Sie waren acht Jahre alt, haben Sie dieses Ereignis registriert?

Messner: Nein, damals hatte das noch keine Bedeutung für mich. Eher hab ich mitbekommen, dass Hermann Buhl im selben Jahr als Erster am Nanga Parbat war. Der Buhl war uns wahrscheinlich näher, wahrscheinlich wurde bei uns auch mehr über ihn berichtet als über Hillary.

Standard: 25 Jahre später, 1978, standen Sie selbst gemeinsam mit Peter Habeler auf dem Everest-Gipfel, als Erste ohne Flaschensauerstoff. Haben Sie sich da mit Hillary auseinandergesetzt?

Messner: Hillary war ja mit Sauerstoffmaske unterwegs, und wir wollten eine andere Form der Besteigung finden. So gesehen haben wir uns mehr mit den Engländern beschäftigt, die in den 20ern diverse Versuche unternahmen, mit Maske, aber auch ohne Maske.

Standard: Abgesehen von der Maske - was hatte Hillary anderen voraus?

Messner: Er hatte diese ganz besondere Gabe, etwas wagen zu wollen. Er wollte ins Unbekannte gehen. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt.

Standard: Wie groß war Ihr Respekt, als Sie 1978 an den sogenannten Hillary Step kamen, eine zwölf Meter hohe, mehr als siebzig Grad steile Felsstufe in 8760 Metern Höhe?

Messner: Für einen guten Bergsteiger ist der Hillary Step kein großes Problem. Peter Habeler war ein Superbergsteiger, und auch ich konnte bergsteigen. Heute ist dort übrigens ein Klettersteig, ein Fixseil für den Weg hinauf, ein Fixseil für den Weg hinunter.

Standard: Oft wird darüber diskutiert, ob Hillary oder Norgay als Erster auf dem Gipfel stand. Für die beiden selbst war es anscheinend am wenigsten ein Thema.

Messner: Das stimmt nicht ganz, darüber hab ich mit Hillary nächtelang diskutiert. Nachdem sie abgestiegen waren, wurde Norgay, der weder schreiben noch lesen konnte, von den Einheimischen genötigt, ein Papier zu unterschreiben, dass er selbst der Erste auf dem Gipfel war. Daraufhin gab es Spannungen, und nur dem Geschick des Expeditionsleiters John Hunt war es zu verdanken, dass das zugedeckt wurde. Aber diese Spannungen haben Hillary und Norgay ihr Leben lang begleitet.

Standard: Dabei tut es gar nichts zur Sache, wer Erster war, oder?

Messner: Wenn Stunden oder Tage dazwischen liegen, ist das ein messbarer Unterschied. In einer Seilschaft gibt es keinen Unterschied. Da gehe ich gemeinsam weg, bin ich gemeinsam unterwegs, komme ich gemeinsam an.

Standard: Wie sehr hat es die Briten gewurmt, dass ihnen ein Neuseeländer den Rang ablief?

Messner: Die Briten wollten unbedingt die Ersten sein, sie haben es wirklich intensiv versucht. Die Neuseeländer standen klar in der zweiten Reihe. Aber das passt zu den Kiwis, dass sie es geschafft haben. Sie haben das britische Know-how genutzt, und sie haben den nötigen Willen mitgebracht. Hillary ist natürlich gleich vereinnahmt worden, die Queen hat ihn ja bald geadelt.

Standard: Sind die Fixseile, von denen Sie gesprochen haben, Teil jener Kommerzialisierung des Everest, die Sie heftig kritisieren?

Messner: Da muss man differenzieren. Es ging mir nie darum, gegen Kommerzialisierung zu sein. Jede Expedition hat ihren wirtschaftlichen Hintergrund. Was ich genau beschreibe, ist der Pistenalpinismus. Wenn, wie am Everest, vom Basislager bis zum Gipfel eine Piste gebaut ist, kann jeder, der genug Kondition hat, da hinauf. Er muss nur die Gefahr ausblenden. Man darf nicht vergessen, dass es heuer schon wieder ein Dutzend Tote gab. Kürzlich hat ein italienischer Hubschrauberpilot einen verunglückten Kanadier aus extremer Höhe ausgeflogen. Heute sind nicht mehr die Bergsteiger die Helden. Sondern die Piloten.

Standard: Was fangen Sie damit an, dass jemand der Jüngste oder der Älteste am Everest sein will?

Messner: Vor wenigen Tagen stand ein Mann ohne Arme auf dem Gipfel. Verstehen Sie mich nicht falsch, das ist eine großartige Leistung. Aber natürlich verliert der Berg dadurch auch an Reiz. Jetzt gerade versucht ein 82-jähriger Nepalese hinaufzukommen, natürlich mit sehr vielen Helfern. Ich sage nicht, dass das schlechtes Bergsteigen ist. Ich sage nur, das ist Pistenbergsteigen.

Standard: Stören Sie die sogenannten Touristen?

Messner: Da war eine Nachfrage da, jetzt gibt es das Angebot. Der Everest ist der am besten vorbereitete Klettersteig, den es gibt. Mir sind nicht die Touristen ein Dorn im Auge, sondern die Parasiten, die so tun, als wären sie in Eigenregie hochgestiegen. Das ist Lug und Trug. Diese parasitären Bergsteiger, die etwas vorgaukeln, lösen Spannungen aus. Zuletzt gab es Auseinandersetzungen zwischen Sherpas und Bergsteigern, die die Infrastruktur nützen, aber nicht dafür bezahlen wollten.

Standard: Da herrscht doch viel Verkehr am Berg. Macht eine Besteigung eigentlich noch Spaß?

Messner: Eine Everest-Besteigung macht nie Spaß. Der Gipfel des Everest ist der Gipfel des Selbstbetrugs. Aber das Basislager ist heute sauberer denn je. Die Leute fliegen ein, die Leute fliegen wieder aus. Diese Form des Bergsteigens gibt es in den Alpen seit hundert Jahren. Am Everest gibt es sie seit zwanzig Jahren. Hier ist jetzt alles wie im Zillertal organisiert.

Standard: Auf Nepali heißt der Berg Sagarmatha, übersetzt: Stirn des Himmels, auf Tibetisch Chomolungma, Mutter des Universums. Woran halten Sie sich?

Messner: Lange hat man ihn einen Berg genannt, der von Vögeln nicht zu überfliegen ist. Ich halte mich stets an die lokale Bezeichnung, Sagarmatha in Nepal, Chomolungma in Tibet. Mit dem Namen des britischen Landvermessers George Everest ist der Berg regelrecht beworfen worden. (Fritz Neumann, DER STANDARD, 25.5.2013)

Reinhold Messner (68) aus Brixen in Südtirol und Peter Habeler bestiegen den Everest 1978 als Erste ohne Flaschensauerstoff. Messner war als Erster nach Alleingang auf einem Achttausender (Nanga Parbat, 1978) und der Erste auf allen 14 Achttausendern (1986). Durchquerte die Antarktis, Grönland und die Wüste Gobi. Weilt dieser Tage, auch in Diensten von Servus TV, im Basislager des Everest.

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    Messner: "Die Leute fliegen ein, die Leute fliegen wieder aus. Hier ist jetzt alles wie im Zillertal organisiert."

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    Vor 60 Jahren gelang Edmund Hillary und Tenzing Norgay die Erstbesteigung des Mount Everest. Ihre Namen sind untrennbar mit dem 8848 Meter hohen Berg verbunden. Am 29. Mai 1953 erreichten der Neuseeländer Hillary (1919-2008) und der Sherpa Norgay (1914-1986), hier auf einem Foto vier Wochen danach, den sogenannten dritten Pol oder auch das Dach der Welt. In Fachkreisen wird diskutiert, ob die Briten George Mallory und/oder Andrew Irvine 1924 den Gipfel erreicht hatten, bevor sie verunglückten. Hillary sagte stets, entscheidend sei, "auch wieder heil hinunterzukommen". Die Gesamtzahl der erfolgreichen Besteigungen geht auf 6000, jene der tödlichen Unfälle auf 250 zu.

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