Fassade: Die ausgeblutete Personalabteilung

Gastkommentar24. Mai 2013, 17:45
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Entkernt, ausgebrannt, ausgeblutet oder ausgesaugt - unterschiedliche Facetten desselben Phänomens in Personalabteilungen und der Frage, wohin diese Organisationen führen soll

Manchmal passiert etwas, das erst zum Schmunzeln führt, dann aber einen ernsten Hintergrund offenbart. So erging es dem Autor dieser Kolumne in einem Interview um die Zukunft der Personalabteilung. Dieses Gespräch wurde in Deutsch geführt, dann in Englisch publiziert und wieder ins Deutsche zurückübersetzt.

Im deutschen Original ging es um die "entkernte Personalabteilung". Danach ist die Personalabteilung wie ein baufälliges Haus, an dem außen zwar noch Neonleuchten Glanz verbreiten, das sich aber von innen her auflöst. Man behält nur die Fassade, an die man sich gewöhnt hat und auf die man deshalb nicht verzichten will. Der Ausdruck "entkernte Personalabteilung" signalisiert die äußere Hülle, aber auch das Fehlen von Inhalt und Substanz. Die "entkernte Personalabteilung" hat den Großteil ihrer Aufgaben und ihrer personalwirtschaftlichen Kompetenzträger verloren und ist nur auf wenige administrative und symbolische Tätigkeiten reduziert. Die Befugnisse dieser entkernten Personalabteilung sind also marginal.

Aus dieser "entkernten Personalabteilung" entstand als sprachliche Mutation der englische Ausdruck "the gutted HR department", was so viel wie ausgebrannt und abgebrannt bedeutet. Hier wird etwas anderes betont, nämlich der Zustand des endgültigen "Aus". Nun werden eingefleischte Personalmanager betonen, dass wir unsere Personalabteilungen brauchen und deshalb dieses Szenario unrealistisch erscheint. Nur: Warum sollte man eine Personalabteilung, wenn sie selbstgefällig und ohne wirklichen Nutzen agiert, nicht einfach abfackeln? Das gleiche Schicksal hat im Übrigen die Organisationsabteilung erlebt: Vor 30 Jahren gab es sie in jedem guten Unternehmen. Jetzt ist sie verschwunden.

Bemerkenswert ist schließlich die Rückübersetzung ins Deutsche, wo es plötzlich um die "ausgeblutete Personalabteilung" geht. Das Wort ist mächtig, denn Blut hat etwas zu tun mit Lebenskraft. "Ausgeblutet" bedeutet demnach Verlust von Lebenskraft. Anders als beim fatalistischen Abbrennen verschwindet hier etwas Wichtiges und Notwendiges. Es geht Professionalität der Personalarbeit verloren, die dringend gebraucht wird und auch jetzt schon zu wenig vorhanden ist.

Vielleicht würden bei einer Übersetzung ins Rumänische noch Vampire mit ins Spiel kommen, die als blutsaugende Wesen für die bleichen und kraftlosen Personalmanager sorgen, gleichzeitig aber als Robert Pattinson und Kristen Stewart aus der Twilight-Saga faszinieren. Wer aber saugt die Personalabteilung aus?

Entkernt, ausgebrannt, ausgeblutet oder ausgesaugt: Hinter diesen Worten stecken unterschiedliche Facetten desselben Phänomens und letztlich das generelle Hinterfragen der Personalabteilung. Nicht alle Personalisten stellen sich dieser Herausforderung. Vielleicht haben wir aber auch nur noch nicht die richtige Sprache gefunden? (Christian Scholz, DER STANDARD, 25./26.5.2013)

Christian Scholz ist Professor für Betriebswirtschaftslehre und Gründungsdirektor des MBA-Programms an der Universität des Saarlands.

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