Einmal im Jahr putzen wir 50.000 Fensterecken

    26. Mai 2013, 12:00
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    Alexander Almásy muss für die Erhaltung von Burg Bernstein 12.000 Euro im Monat erwirtschaften. Wohnen lässt es sich dort trotzdem gut - im Sommer

    Alexander Almásy lebt auf Burg Bernstein im Südburgenland, wo auch László E. Almásy, der "Englische Patient", aufwuchs. Michael Hausenblas besuchte die Burg, auf der auch zehn Gemächer vermietet werden.

    "Viele Menschen haben ein sehr verdrehtes Bild vom Leben auf einem Schloss. Sie glauben, alles sei eitel Wonne und Sonnenschein und in der Küche warten bereits die Bediensteten, um einem jeden Wunsch von den Augen abzulesen. Da schwingt mitunter viel Neid mit. Klar muss man Geld verdienen, um so ein Schloss erhalten zu können. Die Instandhaltung dieses Hauses kostet ungefähr 12.000 Euro im Monat. So viel müssen wir erwirtschaften, damit die Burg nicht zusammenbröselt.

    Burgherr und Motorrad-Freak Alexander Almásy, der bei starkem Wind im Winter schon mal den Sturzhelm aufsetzt, wenn er den Hof durchquert. (Foto: Philipp Kreidl; Bildansicht durch Klick vergrößern)

    Meine Frau Andrea und ich haben im Sommer, also wenn der Hotelbetrieb läuft, einen 24-Stunden-Job. Im Winter reduziert sich das durch den Wegfall der Gäste. In der kalten Jahreszeit erledigen wir vor allem Büroarbeiten und frönen unserer großen Leidenschaft, dem Restaurieren von alten Fenstern und Möbeln. Gezählt hab ich die Möbel noch nie, aber allein Sessel werden es schon 500 sein. Außerdem gibt es 240 Kastenfenster zu je vier Flügeln, das heißt, wir putzen jedes Jahr knapp 50.000 Fensterecken.

    Im Prinzip gibt es hier also ein Sommer- und ein Winterleben. Das Wohnen im Sommer ist sehr großzügig, und wir können alle Räume nützen. Das Haus umfasst 80 Zimmer mit insgesamt 40 Kachelöfen auf circa 2000 Quadratmetern Wohnfläche. Allein schon die Dachfläche misst 8000 Quadratmeter! Mit den äußeren Burgmauern umschließt das gesamte Schlossareal rund 25.000 Quadratmeter. Einen Park gibt es auch noch. Und einen Wald.

    Ein ganz zentraler Bereich ist der Innenhof, eine Art offenes Wohnzimmer. Freiluftlobby könnte man auch dazu sagen. Nur von diesem Hof aus kann man auch wirklich in alle Räume der Burg gelangen. Unsere Kinder Ambros, Anna und Erasmus sind übrigens schon erwachsen und leben nicht mehr auf der Burg.

    Und der Winter hier heroben, muss man wissen, beginnt schon Ende September. Mit zunehmender Kälte reduziert sich unsere Wohnfläche. Irgendwo kommt immer der kalte Wind herein, auch bei einer Wandstärke von drei Metern. Wenn es ganz schlimm ist und der Schnee waagrecht daherpfeift, flüchten meine Frau und ich aus unserer Winterwohnung, die so ungefähr 170 Quadratmeter misst, und verschanzen uns in einem großen Bad eines bestimmten Gästezimmers, in dem einst László Almásy wohnte. Dort stellen wir dann ein Doppelbett rein und picken mit Klebstreifen alle Fugen und Ritzen zu. Das heißt, wir reduzieren über die Jahreszeiten unsere Wohnfläche von 2000 auf 15 Quadratmeter. Ein zweiter Schutzort ist ein offener Kamin, vor dem wir uns in alten Pelzen zusammenrotten und abwarten. Es klingt grotesk, doch bei starkem Wind kann es lebensgefährlich sein, über den Hof zu gehen! Es kommt sogar vor, dass ich mir aus Schutz vor herabgeblasenen Ziegeln einen Motorradhelm aufsetze, wenn ich hinausmuss.

    Wir bezeichnen uns eigentlich nicht als Hoteliers, auch wenn die Burg als Hotel firmiert. Die ersten Zimmer wurden übrigens schon 1922 vermietet. Damals gab es nur ein Badezimmer und einen Badeplan für die Gäste. Wir verstehen uns eher als Privathaus, und die Gäste bewohnen Räume, wie sie von den Vorfahren hinterlassen wurden. Das Haus ist für mich wie eine Art lebender Organismus. Er strahlt eine gewisse Spannung und Stimmung aus.

    Klar ist es manchmal schwierig hier, gerade im Winter, aber tauschen möchten wir mit nichts und niemandem. Obwohl, so ein Stadtpalazzo im Nahen Osten wäre auch was. Dann könnten wir die Gäste, die im Sommer hier wohnen, auch im Winter irgendwo beherbergen. Wir haben dort unten übrigens auch schon ausgedehnte Motorradreisen unternommen." (DER STANDARD, 25./26.5.2013)

    Alexander Almásy wurde 1958 in Salzburg geboren und ist seit seiner Heirat mit Andrea Kuefstein-Almásy im Jahr 1982 Schlossherr auf Burg Bernstein, die 1199 erstmals erwähnt wurde. Die zehn Zimmer, die von Mai bis Oktober vermietet werden, haben kein Telefon und Fernsehen und werden mittels Kachelöfen beheizt. In der sogenannten Nussbaum-Suite wuchs László E. Almásy (1895-1951) auf, der als Hauptfigur im Buch und im Film "Der Englische Patient" weltberühmt wurde und als Entdecker der Höhlenmalereien "Schwimmer in der Wüste" gilt.

    Link

    burgbernstein.at

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