"Gute Coaches sind unbequem"

Interview24. Mai 2013, 17:07
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Was gute Coaches sind, warum Burnout-Seminare leer bleiben, und wo Führungskräfte ihre Barrieren haben: Ex-Sberbank-Europa-Chef Friedhelm Boschert

STANDARD: Physische und psychische Gesundheit, Burnout-Prophylaxe und gesunde Führung sind große Themen. Erschöpfungszustände sind ein Breitenphänomen, über den Konsum von Psychopharmaka kursieren erschreckende Schätzungen. Die Seminare sind zu diesen Themen aber nicht mit Managern gefüllt. Wieso nicht?

Boschert: Das liegt am Selbstverständnis der Führungskräfte, dass sie per se gesund seien und über große mentale Stärke verfügen würden. In den genannten Angeboten steckt zu viel "Krankheitsaspekt" - und Führungskräfte geben nun einmal ungern zu, krank zu sein. Nicht einmal bei Schnupfen, schon gar nicht bei Erschöpfung.

STANDARD: Und das Thema des Lernens eines anderen Führungsverständnisses, neuer Aufgaben?

Boschert: Etwas zu lernen zu haben wird auch nicht gern öffentlich zugegeben. Da bestehen ähnliche Barrieren. Deswegen handeln Führungskräfte, auch wenn es um ihre eigene Gesundheit geht, ganz spät, über das Selbstverständnis der Immer-Fitten hüpft kaum jemand öffentlich drüber.

STANDARD: Das heißt: Einzelsitzungen?

Boschert: Ja, unter dem Mantel allergrößter Verschwiegenheit.

STANDARD:  Coaching ist aber doch salonfähig geworden.

Boschert: Ja, aber man erzählt es nicht unbedingt, und die bevorzugte Variante bei Führungskräften sind Einzelsitzungen.

STANDARD: Wo ist anzusetzen, um über die Selbstverständnis-Barriere zu kommen?

Boschert: Man muss die Sprache der Manager sprechen, also die Angebote von Religion, Esoterik und Krankheitsaspekt befreien. Dann sind Wege zu Reflexion, Innenschau, Selbsterkenntnis offen. Etwa Meditation als Mentaltraining positionieren.

STANDARD: Damit es so wirkt, als blieben die Emotionen unberührt? Das kann ja ohnedies nicht sein.

Boschert: Natürlich nicht, aber es nimmt die Schwellenangst.

STANDARD: Sprechen Manager zu wenig mit ihren Partnern über Druck, Tempo, Leiden im Job?

Boschert: Das weiß ich nicht. Ich höre aber von Managern, dass das private Umfeld mit diesen Themen oftmals überfordert ist.

STANDARD: Sie arbeiten gerade an Angeboten zu Innenschau und Reflexion für Führungskräfte. Haben Sie sich als Chef der Volksbank International coachen lassen?

Boschert: Ja, regelmäßig. Ich habe mich immer gern herausfordern lassen, wollte Feedback, das mich fordert. Das hören Sie in der Firma nicht, es gibt auch Coaches, die einen bestätigen. Das halte ich nicht für gutes Coaching.

STANDARD: Sondern?

Boschert: Gute Coaches sind unbequem. Wenn man sich auf die Coaching-Stunde freut, dann stimmt etwas nicht. Aber nachher geht es einem besser.

STANDARD: Wie beim Zahnarzt?

Boschert: Ja, in etwa. Manager sind meist nicht gut im Betrachten, sondern eher im Zupacken. In sich hineinschauen, Dinge einmal nur zu betrachten ist daher für viele schwierig.

STANDARD: Wie findet man den passenden Coach?

Boschert:Mundpropaganda, Testen, schauen, ob Vertrauen entsteht. (Karin Bauer, ManagementStandard, 25./26.5.2013)

Friedhelm Boschert war bis Jänner 2013 Vorstandschef der Sberbank Europe AG (vormals Volksbank International), arbeitet nun an internationalen Projekten zu Leadership.

  • Friedhelm Boschert.
    foto: privat

    Friedhelm Boschert.

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