Orientierung im weiten Feld Coaching

24. Mai 2013, 17:06
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Coaching boomt. Der Imagebogen der Tätigkeit spannt sich zwischen Psychologie, Sozialarbeit, Guru, Scharlatan und Kovorstand auf. Die Grauzone ist breit, die Ausbildungsangebote sind dicht, aber: Orientierung ist nicht unmöglich

Übergewichtigen Bewegung und ausgewogene Ernährung beibringen, Familien beim Zusammenleben helfen, die Beziehung zum Geld einer Reparatur zuführen (siehe Reportage Seite M3), dem Vorstand als Sparringspartner in Change-Prozessen zur Seite stehen: Eine inkomplette Darstellung des weiten Feldes Coaching. Klarheit fällt schwer, weil die Berufsbezeichnung nicht geschützt ist und die Qualitätskriterien Empfehlungen sind (etwa Österreichischer Dachverband für Coaching). Aber andererseits: Ist es tatsächlich verdammenswürdig, wenn ein jahrzehntelang gedienter Firmenchef sich nach seiner aktiven Zeit kurz in Sachen Coaching- Methoden, Prozesse, Werkzeuge, weiterbildet und dem Nachwuchs in seinen Reihen Coaching offeriert? Was ist einer lange führenden Personalberaterin an Ausbildung vorzuschreiben, damit sie Bewerbungscoachings anbieten darf? Hängt die Güte nur am Abschlusszertifikat?

Vertrauen und Diskretion

Aus der Praxis werden wohl eine Reihe "Nein"-Antworten kommen, wenn Firmen Coaches für ihre Belegschaft engagieren, braucht es aber Nachweise. Der sogenannte "Markt" spiegelt allerdings die Bandbreite: Während manche Stundensätze 80 Euro erlösen, kassieren Executive-Coaches (oder Councelors) Tagsätze rund um 5000 bis 7000 Euro, werden eingeflogen oder bereiten sich im Flieger auf Kommendes vor. Bedeutet: Mundpropaganda und Vertrauen, gepaart mit Diskretion, wird geldwerter, je höher oben die Klienten Hilfe zu brauchen meinen.

In klaren Sachfragen, wie etwa Präsentation, Auftritt, Verhandlungsführung, Argumentation, ist es wiederum einfacher, Kriterien für Güte aufzulisten: Berufliche Vergangenheit im Gebiet und Expertise sind da sichtbarer und leichter zu beschreiben.

Um Verführungen und schlechten Erfahrungen vorzubeugen, ist Surfen durch die Qualitätssicherungen im Dachverband und seinen angeschlossenen Ausbildungseinrichtungen inklusive anerkannter Curricula aber hilfreich und transparent. Orientierung bietet auch die Österreichische Vereinigung für Supervision. Auch für alle, die coachen wollen, denn: Geld kostet es allemal, sich einer neuen Karriere in diesem Bereich zu verschreiben.

Frage der Abgrenzung

Die Definitions- und Abgrenzungsfrage von Coaching zu Beratung und Training hat im Zentrum, dass Coaching es nicht besser wisse als die Klienten, dass Coaching nichts beibringt und einübt. "Kernaufgabe von Coaches ist es, Zugänge zu Lösungen und Möglichkeiten zu öffnen. Der Schwerpunkt liegt auf dem Lösungsprozess", heißt es auf den Webseiten des heimischen Coachingverbands. Coach und Kunde arbeiten gemeinsam nach einer Problemanalyse an Strategien zur Erreichung konkreter Ziele. Es gehe um Hilfe zur Selbsthilfe, um Förderung von Verantwortung, Bewusstsein und Selbstreflexionsvermögen. Die Abgrenzung zur Therapie fällt leicht, da die Ausübung einer solchen recht strikt geregelt ist.

Gute Tipps zum Finden der oder des passenden Coaches im Pool von geschätzten 5000 in Österreich ist schwierig, weil Coaches eloquente Leute sind, die sich natürlich verkaufen wollen.

Auch weil es um die persönliche Ebene geht: Es muss auch chemisch stimmen. Da hilft es gar nichts, sich seitenweise durch Schlagworte wie Entwicklungspotenzialförderung, Perspektivenwechsel oder Ressourcenaktivierung gearbeitet zu haben. Ausprobieren bleibt nicht erspart. Am besten funktioniert das wohl, wenn halbwegs ein Gefühl für die eigene Verführbarkeit und Bedürftigkeit besteht und die Wahrnehmungsfähigkeit für sich und andere ausgeprägt ist. Und wenn beim Coach Resonanz gesucht wird, nicht Rettung. (Karin Bauer, ManagementStandard, 25./26.5.2013)

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