Work-Life-Balance als zentrale Ressource

28. Mai 2013, 17:00
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Warum und dass sich gesundes Führen betriebswirtschaftlich rechnet und was Organisationen dafür tun können

Permanenter Change und alles, was unter "new work" zusammengefasst wird, also von Flexibilisierung und Fragmentierung auf der einen Seite bis zu neuen hochstandardisierten Arbeitssystemen im Produktionsbereich auf der anderen Seite, ist in den betrieblichen Wirklichkeiten angekommen. Vor allem Führungskräfte - aber nicht nur diese - arbeiten in teilweise gänzlicher Entgrenzung von Arbeit und Privatleben.

Arbeitsverdichtung und Zeitdruck, gepaart mit anhaltenden Unsicherheiten, widersprüchlichen Aufgabenstellungen und einander überlagernden Veränderungsprojekten werden in arbeitsmedizinischen Untersuchungen mittlerweile in einen klaren Zusammenhang mit dem Anstieg psychischer Erkrankungen (in Österreich 900.000 Menschen) gebracht.

Karlheinz Sonntag, Leiter der Arbeits- und Organisationspsychologie am Psychologischen Institut der Ruprecht-Karls-Universität in Heidelberg, hat eine Menge großer Forschungsprojekte zum gesunden Führen, zu alternsgerechter Arbeit in deutschen Großkonzernen durchgeführt.

Verzahnung von Arbeit und Privatleben

Ein zentrales Ergebnis all dieser Arbeiten ist, so der Professor, dass eine intelligente Verzahnung von Arbeit und Privatleben eine Schlüsselressource für die Verringerung allgemeiner Erschöpfungszustände und für die Erhöhung der Arbeitszufriedenheit ist. Von 7423 Befragten äußerten 80 Prozent einen starken Wunsch nach Trennung der beiden Lebensbereiche, die Möglichkeit dazu sehen allerdings nur 40 Prozent. Sonntag: "Können Mitarbeiter und Führungskräfte eine Grenzziehung realisieren, so wirkt sich das positiv auch auf Absenzen und Krankenstände aus." Daimler etwa hat aufgrund dieser Ergebnisse E-Mails im Urlaub ausgesetzt und arbeitspsychologische Trainings ("Ausgeglichen" ) eingeführt.

Dass Personalverantwortliche derzeit "Führungskräfteentwicklung" ganz oben auf der Agenda haben, erscheint in diesem Zusammenhang als gute Nachricht, denn, so Karlheinz Sonntag, die Rolle der Führungskräfte als Vorbilder, Multiplikatoren und Unterstützer einer Work-Life-Balance sei " bedeutsam". Daimler hat nun auch Führungsleitlinien dafür implementiert. Sonntag: "Die Herausforderungen dauernder Veränderungsprozesse und des künftig längeren Arbeitens in alternden Gesellschaften sind nur durch ein vernünftiges betriebliches Gesundheitsmanagement zu meistern." Was nach dem Hausverstand logisch klingt, dafür gibt es nun stapelweise Studien- und Forschungsergebnisse.

70 Prozent sehen sich fremdbestimmt

Dass die Umsetzung den Erkenntnissen nachhinkt, zeigen aber ebenfalls viele Studien. Um aus dem Portfolio von Professor Sonntag zu schöpfen: Etwas mehr als 1100 Führungskräfte in der Automobilindustrie sagen, dass es zu viele Veränderungsprojekte gleichzeitig gebe, die Projekte weder aufeinander abgestimmt sind noch effektiv bearbeitet werden könnten. 30 Prozent sehen unzureichende Kommunikation, die Hälfte kann Sinn und Nutzen nicht nachvollziehen, fast 70 Prozent sehen sich fremdbestimmt. " Typisch überall dort, wo hohe Veränderungsdynamik herrscht", so Sonntag. Die Folgen und psychischen Kosten solcher suboptimaler Change-Prozesse seien bekannt, dass ein Großteil der Veränderungsprojekte scheitere, sei also nicht verwunderlich. In Korrelationsstudien sei belegt, dass Veränderungsbereitschaft und Wohlbefinden der Führungskräfte hoch seien, wenn ehrlich und transparent kommuniziert werde, partizipativ eingebunden werde und wenn es Handlungsspielraum sowie eine angemessene Aufgabendichte gebe. Wieder: Ohne Möglichkeit zur Grenzziehung fehlt die zentrale Ressource.

"Ressourcenorientiertes Change-Management" nennt Sonntag, wenn Führungskräfte befähigt werden, Belastungsfaktoren für sich und ihre Leute abzupuffern. Es lohne sich auch betriebswirtschaftlich. (Karin Bauer, ManagementStandard, 25./26.5.2013)

Karlheinz Sonntag ist Leiter der Arbeits- und Organisationspsychologe am Psychologischen Institut der Ruprecht-Karls-Universität in Heidelberg. Er hat umfangreiches Forschungsmaterial zum Thema erarbeitet (www. uni-heidelberg.de). Unter dem Motto, dass Führung eine zentrale Rolle spielt bei der Erhaltung von Gesundheit und Produktivität, geht das diesjährige Hernstein-Symposium am 7. November in Wien der Frage nach: " Gesund führen - Modeerscheinung oder Erfolgsfaktor?"

Link

www.hernstein.at

  • Work-Life-Balance: Führungskräfte sind ein großer Hebel.
    foto: istockphoto.com / rich seymour

    Work-Life-Balance: Führungskräfte sind ein großer Hebel.

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