Tabledance in der Stanglbar

Kolumne24. Mai 2013, 17:56
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Die männliche Unterhaltungskultur

Mit größtem Interesse verfolgt die Öffentlichkeit derzeit die juridische Aufarbeitung der testosterongesättigten Berlusconi-Jahre. Lange vor dem abschließenden Gerichtsurteil steht nach ersten Zeugenaussagen diverser Hetären eines fest: Opera buffa ist ein Hilfsausdruck für das, was sich jahrelang in Berlusconis Bunga-Bunga-Gemächern (kurz: BBBG) abgespielt hat.

Hier einige pikante Details: jede Menge Lustmolche aus höchsten Politkreisen, als Nonnen verkleidete Stripperinnen sowie - und hier sind wir beim eigentlichen Thema dieser Kolumne - eine mitten in BBBG angebrachte Tanzstange, rund um welche das allgemeine Entkleidungsgeschehen stattfand.

Die Tanzstange ist ein klassisches Accessoire der gehobenen virilen Unterhaltungskultur. Im Volksmund wird sie liebevoll als "Stangl" bezeichnet, und ein Etablissement, das mit ihr eingerichtet ist, als "Stanglbar". Tiefenpsychologen haben für die Anziehungskraft des Stangls eine einfache Erklärung: Das Stangl liefert dem im Prinzip sehr schlicht funktionierenden, weil ständig vom Geschlechtstrieb umnebelten männlichen Intellekt ein unwiderstehliches Identifikationsangebot. Sobald ein Herr eine Dame an einem Stangl tanzen sieht, empfindet er sich sofort selbst als das Stangl, das fachkundig betanzt wird.

In der Bevölkerung herrscht fälschlicherweise der Glaube vor, der Begriff "Stangl" komme vom Wort "Stange". Das ist ebenso irrig wie die Annahme, die "Hängematte" habe etwas mit "hängen" zu tun ("Hängematte" leitet sich vom indianisch-spanischen "hamaca" ab). Die Bezeichnung " Stangl" für die Tanzstange geht in Wahrheit auf ihren Erfinder zurück, einen als Nebenerwerbszuhälter tätigen Rapsbauern namens A Stangl (mit dem Kabarettisten I Stangl weder verwandt noch verschwägert) aus dem oberösterreichischen Fucking.

Leider ist der Stangltanz in Österreich noch immer nicht so beliebt, wie man sich das wünschte. Für seine Popularisierung könnte es beispielsweise sehr hilfreich sein, wenn die Veranstalter des Opernballs zur Abwechslung einmal nicht nur den ewig öden alten Walzer, sondern stattdessen den Stangltanz forcieren würden. Technisch überhaupt kein Problem: Man müsste nur ein paar schöne Stangln auf dem Opernballparkett anbringen - und natürlich die Aufforderung "Alles Walzer!" durch "Alles Stangl!" ersetzen. (Christoph Winder, Album, DER STANDARD, 25./26.5.2013)

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