Wie geht es Spaniens Buchhändlern in der Krise?

    24. Mai 2013, 17:25
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    Massenentlassungen, Arbeitslosigkeit und die Hoffnung auf einen Job. Manche haben aus der Not eine Tugend und sich selbstständig gemacht

    Ein Rundgang durch die Buchläden von Madrid.

    Lavapiés liegt im Herzen Madrids, fünfzehn Minuten von der Puerta del Sol entfernt. Es ist ein armes, von Immigranten und Nachtschwärmern geprägtes Viertel und durch die Massenentlassungen der letzten Monate noch ärmer geworden. Umso erstaunlicher, dass es hier immer mehr Buchhandlungen gibt. Ein paar von ihnen will ich aufsuchen: nicht wie sonst als Stammkunde, sondern um zu erfahren, wie sie sich in der Krise behaupten. 

    Den Weg in die nächstgelegene würde ich mit verbundenen Augen finden. Ich brauche nur aus dem Haus zu treten, in dem ich zeitweilig wohne, und die Mesón de Paredes hinaufzugehen, vorbei an einer kleinen Sprachschule, Clubhaus Kaiser, in der arbeitslose Akademiker Deutsch lernen, in der Hoffnung auf einen Kellnerjob in Berlin oder München. In der ersten Querstraße befindet sich zwischen einem marokkanischen Friseurladen und dem Lieferanteneingang des Marktes San Fernando die Librería del Mercado.

    Die Buchhandlung existiert seit zwei Jahren und wird von Cristina García betrieben, einer ruhigen Frau Mitte vierzig. Zuvor hatte sie 22 Jahre in der Verkaufsabteilung eines Klimaanlagenherstellers gearbeitet. Mit ihrer Kündigung reagierte die Firma auf die ersten Anzeichen der Krise im Baugewerbe. Zu ihrem Glück war Cristina noch vor Inkrafttreten der repressiven Arbeitsmarktreform entlassen worden. Das Unternehmen musste sie deshalb nach langwierigem Verfahren mit 45 Tagesgehältern pro Beschäftigungsjahr abfinden. Eine neue Stelle zu finden war in ihrem Alter aussichtslos. So beschloss sie, aus der Not eine Tugend und sich selbstständig zu machen. Vom Buchhandel hatte sie keine Ahnung, gelesen hatte sie immer schon gern, und von der Abfindung würde sie ein paar Jahre leben können, zumal die Ladenmiete mit 10 Euro pro Quadratmeter durchaus erschwinglich war.

    Cristina kann es sich nicht leisten, nur Bücher zu führen, die ihr gefallen: solche, die nicht der Zerstreuung dienen, sondern den Blick auf gesellschaftliche Zustände schärfen. Laufkundschaft ist selten in dieser sozialen Randlage, und für die Schar Stammkunden, die sie mittlerweise gewonnen hat, muss sie auch Fantasyromane und Erotikplunder in die Auslage stellen. Lohnkürzungen treffen sogar relativ krisensichere Berufsgruppen wie Lehrerinnen und Beamte, die überdurchschnittlich viel lesen. Unvermeidlich, dass Cristina ihren Lebensunterhalt immer noch von der Abfindung bestreitet. Trotzdem ist sie zufrieden: Ausgaben und Einnahmen halten sich die Waage. Angefangen hat sie mit tausend Büchern, die im Vorhinein zu bezahlen waren, inzwischen ist der Bestand auf viertausend angewachsen, und die Auslieferungen gewähren ihr eine Zahlungsfrist von zwei Monaten.

    Ihre Exkollegen hatten die Abfindung dazu verwendet, Hypotheken zurückzuzahlen. Nun sitzen sie, sagt Cristina, schuldenfrei in ihren Wohnungen, wo ihnen die Decke auf den Kopf fällt. Alle paar Tage muss sie Arbeitsuchende abweisen. Junge Hochschulabsolventen - ihre Curricula lesen sich, sagt sie, wie die von Spitzenkräften. 700 Euro, das sei der Monatslohn, den sie erhofften, und sie würden jede Stelle annehmen. Cristina kann niemanden einstellen. Sie steht 45 Stunden die Woche allein hinter dem Ladentisch, hat auch schon mit 40 Grad Fieber den Rollladen hochgezogen. Die vielen Buchhandlungen ringsum sieht sie nicht als Konkurrenz, sondern als Bereicherung. Sie ist vorsichtig optimistisch innerhalb des generellen Pessimismus. Weil ihr etwas gelungen ist, aus eigener Kraft und mit eigenem Kopf.

    Bis zur zweiten Buchhandlung sind es nur ein paar Schritte: einmal um die Ecke, dann die Stufen hinauf in die Markthalle. Bis April des Vorjahres stand sie halb leer, weil die Kunden zu den Supermärkten und Billigläden abgewandert waren. Es hieß, ein Investor werde das Gebäude kaufen. Inzwischen haben Arbeitslose und Unterbeschäftigte die freien Stände gepachtet. Sie hatten sich bei der Protestbewegung des 15-M (15. Mai, Anm.) auf der Puerta del Sol kennengelernt und waren übereingekommen, den Markt in einer gemeinsamen Aktion wiederzubeleben. Jetzt bieten sie mit Erfolg Waren und Dienstleistungen an, die in Krisenzeiten angeblich wenig gefragt sind. Gemüse, Öl, Wein aus biologischem Anbau, gutes Brot, Biersorten kleiner Brauereien, handgestrickte Mützen, kuriose Geschenkartikel. Imbissbuden mit frisch zubereiteten Gerichten, eine Änderungsschneiderei, ein Stand mit antiquarischen Büchern, deren Preis sich nach dem Gewicht berechnet, ein Euro pro 100 Gramm. Sein Name, La Casquería, erinnert daran, dass hier einmal Innereien verkauft wurden. Von den sechs Leuten, die ihn übernommen hatten, sind nach einem Jahr drei übrig geblieben. Eine von ihnen, Raquel Olózaga, sagt mir, dass sich ihre Erwartungen erfüllt haben, auch wenn sie von den Einnahmen nicht leben können. Die Ausgaben sind, bei 100 Euro Standmiete, minimal, und die Bücher werden ihnen von Bekannten und Leuten aus der Nachbarschaft geschenkt. Sie akzeptieren alle, lehnen politische oder ästhetische Auswahlkriterien als Bevormundung ab - eine Haltung, die typisch ist für die Indignados (die Empörten, Anm.).

    Händler mit Träumen

    Drei Häuser weiter die nächste Buchhandlung. Sie heißt Traficantes de Sueños, also Traumhändler, Händler mit Träumen, und wurde vor 14 Jahren als Genossenschaft gegründet, zu der auch ein Verlag gehört, ein Buchvertrieb, ein Grafikbüro. Im großen Vestibül der Buchhandlung finden Vorträge statt, seit neuestem auch Kurse zu Formen politischer Intervention. Dieses Bildungsangebot ist nötig geworden, sagt Bibiana Alonso, weil die Universitäten aufgrund ihres neoliberalen Umbaus systemkritische Inhalte kaum noch vermitteln.

    Bibiana leitet den Buchladen und bezieht, als Vollzeitangestellte, ein Nettogehalt von 900 Euro. Das Gewerbe ist ihr vertraut, schon ihre Mutter hatte eine Buchhandlung geführt, sie selbst in einer Druckerei gearbeitet. Die 200 Genossenschaftsmitglieder zahlen alle zwei Monate 30 Euro. Dafür erhalten sie bei jedem Einkauf zehn Prozent Rabatt, außerdem gratis die Neuerscheinungen des Verlags, der jährlich ein Dutzend Sachbücher veröffentlicht. Ihre Auflage liegt zwischen 1500 und 2000 Exemplaren.

    Bei der Protestbewegung auf der Puerta del Sol waren sie von Anfang an dabei. Das habe ihnen, sagt Bibiana, neue Kunden gebracht, die bis dahin in den großen Warenhäusern eingekauft hätten. Aber der Aufschwung infolge "bewussten Konsums" sei durch die Krise gestoppt worden. Bei der Buchmesse, die in Madrid unter freiem Himmel stattfindet, im Retiropark, sei der Umsatz um 20 Prozent zurückgegangen, das Weihnachtsgeschäft habe um 25 Prozent nachgelassen. Nun gehe es darum, die Zahl der Genossenschafter zu halten.

    Auch der libertäre Buchladen La Malatesta drei Straßen weiter, in der Calle Jesús y María, wird kollektiv geführt, von einem halben Dutzend Anarchisten, in der Praxis jedoch von Ricardo und Marcos, zwei Aktivisten Mitte dreißig, die nicht mit Nachnamen genannt werden wollen. Sie betreuen nicht nur das Ladengeschäft und einen Stand auf der Plaza Tirso de Molina, wo sich sonntags die außerparlamentarische Linke trifft, sondern leiten auch den gleichnamigen Verlag, der jährlich vier bis fünf Bücher herausbringt. Am besten haben sich bisher Kropotkins Die Eroberung des Brotes, die Autobiografie des legendären spanischen Anarchisten Cipriano Mera und ein Sammelband über anarchistische Pädagogik verkauft.

    La Malatesta ist vor fünf Jahren nach Lavapiés übersiedelt. Der frühere Standort - Malasaña, ein anderes populäres Viertel - war ihnen zu schick geworden, sagt Ricardo. Auch seien sie dort gelegentlich von Neonazis belästigt worden. Lavapiés dagegen gilt als Bastion des Antikapitalismus. Letztes Jahr haben Einwohner sogar ein Einsatzkommando der Polizei vertrieben, das einen illegalen Einwanderer festnehmen wollte. Der kleine, aber gut sortierte Laden dient auch als Versammlungslokal - das Stadtteilkomitee des 15-M hält hier seine Treffen ab, der Freidenkerbund und ein Grüppchen unentwegter Situationisten. Jeden Freitagabend gibt es Buchpräsentationen und Diskussionen. Ziel sei es, so Ricardo, die Zerstrittenheit der Anarchisten zu beenden. Aber mir scheint, er und sein Partner haben schon ein höheres Ziel erreicht: einen Ort zu schaffen, an dem das historische Gedächtnis der radikalen Linken aufgehoben ist. Der Preis dafür ist die prekäre Existenz; ich schätze, dass die beiden nicht mehr als 650 Euro im Monat verdienen. Das ist zurzeit der gesetzliche Mindestlohn. Die Frage, wie man davon leben kann, prallt an Ricardos Bekenntnis ab: "Es lo más importante que he hecho en mi vida." - Ich habe in meinem ganzen Leben nichts Wichtigeres getan. (Erich Hackl, Album, DER STANDARD, 25./26.5.2013)

    Erich Hackl, geb. 1954 in Steyr (Oberösterreich), wo er aufgewachsen ist. Er studierte Germanistik und Hispanistik, war Lehrer und Lehrbeauftragter in Wien und Madrid. Ab 1976 regelmäßiger Mitarbeiter der Zeitschrift "Wiener Tagebuch". Übersetzer spanischer und lateinamerikanischer Literatur. Seit 1983 ist er freischaffend, veröffentlichte zahlreiche Essays, Kritiken und Bücher. Zuletzt erschien von ihm "Familie Salzmann. Erzählungen aus unserer Mitte" (Diogenes, 2012). Hackl lebt in Wien und Madrid.

    • Genügend Lesestoff für Spaniens Indignados (Empörte).
      foto: erich hackl

      Genügend Lesestoff für Spaniens Indignados (Empörte).

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