Zeckenbisse, das Du und das Ich

24. Mai 2013, 17:58
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Und das Olivenkännchen. Von Julya Rabinowich

Nach dem winterlichen April und vor der Schafskälte durfte noch ganz kurz der Zeckenfrühsommer stattfinden. Der Hund sammelte die Früchte der Saison eifrig im Unterholz ein. Ich betrieb Zeckenauslese. Eine Bissstelle entzündete sich. Gegen den hündischen Katzenjammer gab es Pferdezugsalbe. Wenn ich nach derzeit angesagter EU-Methode behandelte, hätte ich das ignoriert und gar nichts getan.

Später vielleicht dem Hund die Krallen geschnitten. Die EU und deren Bürokratie, durchaus eine wohlmeinende und redliche, aber auch von Einzelinteressen und Gruppierungen bestechliche, vergisst auf ihre ureigensten Aufgaben. Europa ist doch von Anfang an ein Projekt gewesen, das die Vielfalt, den Austausch, wirtschaftlichen und kulturellen und vor allem auch Frieden fördern und schaffen wollte. Ein Verhindern des auflodernden Nationalismus, dessen Folgen hinreichend bekannt sind.

Wie kann es nun sein, dass die EU sich nun Gurkengrößen und Olivenölkännchen mit Inbrunst widmet, während es an mehreren Ecken gleichzeitig zu schwelen, eventuell sogar zu brennen beginnt? Vertreter der EU beantworten die Frage nach dem unbegreiflichen Warum der geradezu jungfräulichen Zurückhaltung bezüglich der Vorgänge in Ungarn mit einem eleganten Schweigen und Themawechsel.

Die Impressionen einer solchen Diskussion auf Schloss Seggau: Von einem erzieherisch wertvollen, künstlerisch anregenden Philosophieren - so zum Beispiel über das Du und das Ich, das sich gegenseitig braucht, um sich zu erkennen - werden sich Probleme, die entstehen, wenn gleichzeitig manche EU-Mitgliedsländer politisch anstreben, das Ich und das Du zu einem Ich und einem Es zu degradieren, während ganz Europa schweigend oder dezent hüstelnd zusieht, wie sich die Reizlinien retromäßig an 1938 heranarbeiten, nicht lösen lassen.

Ebenso wenig wie die Jugendarbeitslosigkeit, die in manchen Ländern die 50-Prozent-Marke überschritten hat. Will man zusehen, bis die jugendliche Verzweiflung in Radikalisierung und damit in Gewalt umschlägt, ein nicht unbekannter Vorgang?

Was also will Europa eigentlich? Oder, konkreter: Was wollen die Vertreter der EU? Wohin gedenkt man zu exportieren, wenn immer mehr Krisenherde aufpoppen wie unerwünschte Werbefenster am Bildschirm? Einfach auf "schließen" klicken wird leider nicht klappen.

Wer sich im Übrigen an dem Übergang von Zeckenthematik hin zu Populismus gestoßen hat: Reizworte wirken. Aber es wird - auch in und um Ungarn - immer noch nichts dagegen unternommen. Es ist im Interesse aller, die Kännchen mal kurz beiseitezulegen. Es ist Zeit, jenes Öl zu thematisieren, das von Populisten ins Feuer gegossen wird. (Julya Rabinowich, Album, DER STANDARD, 25./26.5.2013)

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