Als ob er einer von ihnen wäre

24. Mai 2013, 19:12
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Kreativer Provokateur: Carl Van Vechtens 1926 in den USA erschienener Roman "Nigger Heaven" liegt erstmals auf Deutsch vor

Carl van Vechten (1880-1964) war einer der großen schöpferischen Amerikaner des 20. Jahrhunderts. Er begann als Journalist und Kritiker, insbesondere im Bereich des modernen Tanzes, schrieb eine Reihe erfolgreicher Romane und fand schließlich seine Bestimmung als Fotograf, in dessen Studio sich viele der interessantesten Schriftsteller, Denker und Künstler des Landes einfanden. Ohne seine fotografischen Einsichten in deren Persönlichkeiten wüssten wir heute viel weniger über das kreative Amerika seit 1930. Sein künstlerisch-intellektuelles Netzwerk war extrem dicht, und es ist kein Zufall, dass einer der kritischsten Geister der Szene, Gertrude Stein, gerade ihn zu ihrem Nachlassverwalter wählte.

Dass er nicht zum Kanon und Mainstream der US-amerikanischen Kulturgeschichte zählt - das mag sich übrigens mit dem gerade erschienenen Buch von Emily Bernard, Carl Van Vechten and the Harlem Renaissance: A Portrait in Black and White ändern -, hat mit seinem Hang zur kreativen Provokation zu tun. Der finanziell bestens ausgestattete Guru der künstlerischen Szene Manhattans verheimlichte seine Bisexualität kaum und war durch seine intensive Präsenz in der afroamerikanischen Community Weißen wie Schwarzen verdächtig. Er war ein progressiver Kritiker dessen, was die Konservativen unter dem Label " Political Correctness" zur Bekämpfung ihrer Gegner erfunden hatten - und das, lange bevor der Begriff formuliert worden war.

Sein nun zum ersten Mal in deutscher Sprache veröffentlichter Roman Nigger Heaven, der seit seinem Erscheinen im Jahr 1926 auf dem amerikanischen Buchmarkt nicht leicht zugänglich war, war seine vermutlich größte Provokation. Hier maßte sich ein in Iowa geborener, auffällig blonder Weißer an, einen Roman zu schreiben, der im schwarzen Milieu Harlems spielt, und dann noch den Titel Nigger Heaven darüber zu setzen - als ob er einer von ihnen wäre. Die intellektuelle Leitfigur des schwarzen Amerika, W. E. B. Du Bois, sprach gar von einem "Schlag ins Gesicht" der Afroamerikaner.

Der kommerziell durchaus erfolgreiche Roman wurde von der Mehrzahl der jüngeren afroamerikanischen Schriftsteller und Künstler jedoch positiv aufgenommen. Mit dem "Nigger Himmel" war nämlich das Harlem der Zwanzigerjahre gemeint, wo sich inmitten einer vornehmlich aus dem Süden zugewanderten schwarzen Bevölkerung von 400.000 eine breite schwarze literarische und Kunstszene entwickelte. Diese zunächst unter dem Begriff "New Negro Renaissance", heute "Harlem Renaissance", bekannte Bewegung ist der Ort und der zentrale Gegenstand von Van Vechtens Roman. In ihm finden sich alle Schichten und Gruppen des schwarzen "Mekka": Schriftsteller, Künstler, Prostituierte, Zuhälter und Gauner, kleinbürgerlicher Durchschnitt und großbürgerliche Erfolgsmenschen.

Das Protagonistenpaar, das nicht zueinanderfindet (und wohl auch nicht zueinanderfinden soll), besteht aus der klugen, emotional etwas unterkühlten Bibliothekarin Mary Love, dem schwarzen Wissens- und Kunstideal verbunden, und dem jungen und sehr unreifen Noch-nicht-Schriftsteller Byron Kasson. Zwar hat die praktische und sehr kluge Mary alle Argumente auf ihrer Seite, aber trotzdem - vielleicht gerade deshalb - darf sie weder im Roman noch in der Liebesbeziehung das letzte Wort behalten.

Die rauschhafte Verzückung in Sexualität und im Drogenkonsum überwältigt Byron und lässt keinen Raum für Marys progressiven Rationalismus, der in vielem der sozialdemokratischen Arbeiterkultur Wiens der Zwanzigerjahre verwandt ist. Als Byrons erster Text sowohl durch Mary als auch durch einen (weißen) Redakteur als "Erbauungsliteratur" kritisiert wird, entsteht derselbe abgrundtiefe und gewalttätige Hass, der für die Protagonisten der nachfolgenden schwarzen Autorengeneration unter der Führung von Richard Wright charakteristisch wird.

Wichtig an dem Roman ist jedoch weniger die (teilweise modernistisch gebrochene) Handlung, sondern die Darstellung der schwarzen Gesellschaft mit ihren künstlerischen und intellektuellen Leistungen. Dabei ist die selbstbewusste Mittelschicht genauso wichtig wie die künstlerischen Aspiranten. Selbst diejenigen hellhäutigen Afroamerikaner, die - dem allgegenwärtigen Rassismus der Mainstreamgesellschaft ausweichend - ihren Weg in die Mittelschicht unter Verleugnung ihrer Rasse als Weiße unternehmen wollen ("Passing"), können als Teil einer positiven Entwicklung gelesen werden.

Trotz seiner intimen Vertrautheit mit der schwarzen Szene blieb Van Vechten Außenseiter (selbstironisch in einigen weißen, "negerliebenden" Besuchern Harlems dargestellt), eine Stellung, die ihm einen privilegierten Blick auf diese vitale Variante der modern(istisch)en Kultur erlaubte. Die Übersetzung folgt der siebenten Auflage des Romans, zu der der erfolgreichste lyrische Vertreter Harlems und enger Freund Van Vechtens, Langston Hughes, eine Reihe von bluesigen Gedichten beigetragen hat, die im englischen Original und in Übersetzung wiedergegeben sind.

Übersetzer Egbert Hörmann hat das im Deutschen immer bestehende Problem der Wiedergabe des afroamerikanischen Standards (es gibt Faulkner-Übersetzungen, die Schwarze in Bauerndialekten sprechen lassen! ) differenziert, aber sehr erfolgreich gelöst. In seiner Sprache hört man die marginalisierte Gruppe, fühlt man die Künstler, spürt man die sexuelle Energie.

Nigger Heaven ist ein intellektuelles, literarisches, und nicht zuletzt aufgrund der beigefügten karikaturhaften "Negro Drawings" des mexikanischen Malers Miguel Covarrubias, der die Bewohner Harlems in den 1920er-Jahren porträtierte, ein sinnliches Erlebnis und zeigt, wie viel in der US-amerikanischen Literatur noch zu entdecken ist. (Walter Grünzweig, Album, DER STANDARD, 25./26.5.2013)

Carl Van Vechten, "Nigger Heaven". Illustriert von Miguel Covarrubias. Aus dem Englischen von Egbert Hörmann. € 25,70 / 281 S. Walde+Graf bei Metrolit, Berlin 2012

  • Der Roman als sinnliches Erlebnis - auch durch Miguel Covarrubias' Zeichnungen in "Nigger Heaven".
    foto: metrolit

    Der Roman als sinnliches Erlebnis - auch durch Miguel Covarrubias' Zeichnungen in "Nigger Heaven".

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