Martin Kusejs kroatischer Kriegsalptraum

23. Mai 2013, 22:57
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Miroslav Krlezas Bilderbogen "In Agonie" - eine Festwochen-Entdeckung im Volkstheater

Wien - Der aus drei Stücken zusammengewürfelte Bilderbogen "In Agonie" des Kroaten Miroslav Krleza (1893-1981) gleicht einem Besuch bei weitschichtigen Verwandten. Die desolate Gründerzeitgesellschaft Zagrebs mästet ihren Wohlstand mit Lug und Betrug ("Die Glembays"). Auf den Schlachtfeldern Galiziens gehen die letzten Anstandsreste von Humanität flöten ("Galizien"). Martin Kusej inszeniert diese Festwochen-Entdeckung als Koproduktion mit dem Müchner Residenztheater im Wiener Volkstheater.

Und die Eindrücke nach zwei von drei Abschnitten (ohne "In Agonie") bestätigen Kusejs Thesen auf das Glücklichste. Erstens: Krleza besitzt die Analytik Ibsens, obendrein aber auch den gallbitteren Irrwitz Frank Wedekinds. Zweitens: Das Münchner Ensemble schöpft auf Annette Murschetz' Bühne aus dem Vollen. Man sieht Überspannte und Versehrte (Johannes Zirner als Kunstmaler), Erstarrte (Manfred Zapatka als Industriekapitän), Gedemütigte (Sophie von Kessel als mondäner Vampir). Drittens: Das zweite Stück, ein feldgrauer Kriegsalptraum, spaltete das Publikum hörbar.

Aber Kusej gehört auch nicht zu den postdramatischen Bescheidwissern und Ironikern. Er macht Bilder über den Wahnsinn von 1914 aufwärts. Er ist unversöhnlich, gelegentlich auch eckig und unelegant. Ihm gelingt passagenweise Großartiges. Die weitschichtige Verwandtschaft aus Kroatien geht uns alle etwas an.   (Ronald Pohl, DER STANDARD, 24.5.2013)

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