Renaissance eines Realpolitikers

23. Mai 2013, 22:08
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An den Ansichten Henry Kissingers, der Montag seinen 90. Geburtstag feiert, scheiden sich die Geister

Seine Denkweise spiegelt sich aber auch in der aktuellen US-Außenpolitik wider.

Der Arabische Frühling, dozierte der ergraute Stratege, werde häufig gefeiert, indem man die Namen gestürzter Autokraten aufliste, wie bei einem Zählappell der Entmachteten. "Aber am Ende werden Revolutionen in erster Linie daran gemessen, was sie aufbauen, nicht daran, was sie zerstören. Und in der Hinsicht hat diese Revolution die Heiterkeit des Anfangs ins Paradoxe gedreht."

Da war er wieder, der kühle Realpolitiker, den das Amerika der alten konservativen Schule als weisen Staatsmann feiert, während ihm das idealistische Amerika einen Zynismus unterstellt, wie er schlecht passt zum Optimismus, ja, zum Sendungsbewusstsein der Neuen Welt. An Henry Kissinger, der am 27. Mai seinen 90. Geburtstag feiert, scheiden sich noch immer die Geister.

Liest man Kissinger, liest es sich bisweilen wie ein Skript für Barack Obama. Zumindest gilt das für Syrien, einen Konflikt, der in der amerikanischen Debatte den alten Streit zwischen Realisten und Idealisten in neuer Schärfe aufflackern lässt. Wer ans Inter­venieren denke, mahnt der frühere Außenminister, müsse bei Strafe teuren Lehrgelds die Lektionen des Irak-Feldzugs bedenken. Man dürfe nicht zulassen, dass Verwaltungsstrukturen zerbrechen und sich die Armee auflöst, denn ein solches Vakuum sei das Gefährlichste.

Warnung zu Syrien

Die Idee einer Syrien-Konferenz hält er für richtig, warnt aber vor überzogenen Erwartungen. Das Patt zwischen Bashar al-Assad und den Rebellen lasse alles erwarten, nur keine schnelle Lösung. "Ausländische Mächte fordern die Regierung auf, mit ihren Gegnern zu verhandeln, um Letzteren die Macht zu übertragen. Doch was beide Seiten interessiert, ist das eigene Überleben, weshalb solche Appelle gewöhnlich auf taube Ohren stoßen."

Auch wenn es niemand im Weißen Haus so unverblümt sagen würde, die Skepsis ist die gleiche: die Furcht, dass die USA in den Strudel eines Bürgerkriegs hineingezogen werden, wohl oder übel die erste Geige spielen müssen und – wie im Irak – überfordert werden bei dem Versuch, den Schaden zu reparieren, die Aussöhnung zu organisieren und das Machtvakuum zu füllen. "Schaut Obama nach Syrien" , fasst es die Zeitschrift New Yorker zusammen, "sieht er das Bagdad des Jahres 2003 – wir alle erinnern uns noch an diesen Film."

Der in Worten einst so inspirierende Hoffnungsträger regiert in der Praxis mit einer Vorsicht, die auf dem gleichen nüchternen Blick gründet, wie er typisch ist für Kissinger. Kein Zufall auch, dass sich John Kerry, der neue Chef im Außenamt, auf Kissinger berief, als er nach dem Amtsantritt erste Pläne skizzierte. 1994 – die einzig verbliebene Supermacht wähnte sich im Zenit ihrer Macht – bürstete der frühere Harvard-Professor in seinem Buch Diplomacy gegen den Strich um sich greifender Hybris, indem er eine ausgeprägt multipolare Welt prophezeite. "Nie zuvor musste eine Weltordnung aus so vielen verschiedenen Sichtweisen zusammengesetzt werden."

Unordnung sei schlimmer als Ungerechtigkeit, hat der Biograf Robert Kaplan einmal über den Leitfaden des Systems Kissinger geschrieben. Der Mann akzeptiere, dass die Welt nicht perfekt, nicht gerecht für alle sein könne. Unordnung aber bedeute das Fehlen von Gerechtigkeit für alle.

Erfahrungen der NS-Zeit

Hinter der These, so Kaplan, stehe eine zutiefst persönliche Erfahrung. Kissinger, der 1938 als Jude aus dem fränkischen Fürth fliehen musste, hat erlebt, wie der Nationalsozialismus mit seinen Schlägertrupps ein scheinbar sicheres Lebensumfeld aus den Angeln hob. Im Kalten Krieg wiederum sah er die Sowjetunion als Teil eines Ordnungssystems, eine Macht, deren Einfluss die USA sowohl eindämmten als auch respektierten, damit "revolutionäres Chaos"  auf Randgebiete in der Dritten Welt beschränkt blieb. Schon seine Doktorarbeit in Harvard widmete Kissinger einem Dirigenten der Macht, dem österreichischen Staatsmann Fürst Metternich.

Der hatte mit skrupelloser Geheimdiplomatie liberale Keime erstickt, um nach den Napoleonischen Kriegen die alten Verhältnisse wiederherzustellen. Ein Reaktionär, der jede Erhebung im Namen der Freiheit als sicheren Weg ins Chaos sah. Kissinger zeichnete ihn, vor fast 60 Jahren, in milderem Licht, als Faktor der Stabilität: Metternich habe zwar keine großen Konzepte hervorgebracht, wohl aber das Gleichgewicht der Kräfte gesichert. (Frank Herrmann aus Washington, DER STANDARD, 24.5.2013)

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