Angst lässt sich nicht einfach abwaschen

23. Mai 2013, 20:05
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Die Galerie im Taxispalais zeigt Arbeiten einer der wichtigsten zeitgenössischen Künstlerinnen Indiens. Shilpa Guptas Arbeiten thematisieren den von Ohnmacht, Angst und Überwachung geprägten Alltag

Innsbruck - Ich habe nicht das Land geheiratet, sagt eine junge Frau in einem fast kindlichen Singsang. Sie wirft drei Steine vor sich auf eine Landkarte und hüpft von einem Territorium zum nächsten. Ihr Haar ist lang und schwarz, und das weiße, hemdartige Kleid, das sie trägt, schwingt bei jeder Bewegung mit. Man kann ihr dabei von oben zusehen, denn die Videoprojektion ist auf den Boden des Ausstellungsraums gerichtet.

Half Widows bezieht sich auf jene 1500 Frauen im von Kriegen zerrütteten Kaschmir, deren Männer verschwunden sind, nachdem 1989 der Aufstand gegen die indische Herrschaft begonnen hat. Weder Ehefrauen noch Witwen, leben diese Frauen ohne Schutz oder Hilfe. Es ist diese Politik und kulturelle Realität ihres Landes, die die indische Künstlerin Shilpa Gupta, 1976 in Mumbai geboren, in ihre höchst poetischen skulpturalen Objekte, Installationen, Videoarbeiten und Fotografien einfließen lässt.

Nach Stationen in Montreal, Arnheim und Brügge ist Innsbruck die letzte Station der Ausstellung will we ever be able to mark enough?. In der Galerie im Taxispalais sind nun neuere Arbeiten von Gupta zu sehen. Neuerlich beschäftigt sich die Künstlerin mit dem täglichen Leben, das einem oft künstlich geschaffenen Klima der Angst ausgesetzt und von historischen Ereignissen, Terror, sozialer Ungleichheit, Macht und Medien geprägt ist.

Wenn Frauen aus ihrer Situation nicht heraus können, dann existieren sie auch nicht wirklich, merkt die Künstlerin zur Arbeit Half Widows noch an. Genauso wie es die Kriege in Kaschmir angeblich gar nicht gab, weil sie vom indischen Staat vertuscht und nicht in die Geschichtsschreibung aufgenommen wurden. Eben deshalb lässt Gupta meterweise leere Seiten einer "fehlenden Geschichte" aus einem Buch hervorquellen; und in einer weiteren Projektion bittet sie deswegen Menschen in Montreal, eine Landkarte ihrer jeweiligen Heimat aus dem Gedächtnis nachzuzeichnen.

Identifizierbare Gefahren

Es sind hundert eigenwillige, nicht repräsentative Zeichnungen, die darlegen, dass eine persönlich empfundene Zugehörigkeit zu einer Nation nicht unbedingt dem entspricht, wie man von außen gesehen und definiert wird. Aber dennoch findet die Identifizierung weiterhin über den Blick und die Beobachtung von außen statt. So hat Gupta in There is no Explosive in This auf Flughäfen konfiszierte Objekte, also jene Gegenstände aus dem Handgepäck, die vermeintlichen Terroralarm auslösen können, in weißes Leinen einnähen lassen. Und so liegen auf hohen Pathologie-Tischen private Objekte, die trotz gedämpften Lichts anhand ihrer Umrisse (öffentlich) identifizierbar sind.

Shilpa Gupta balanciert ihre Arbeiten entlang einer persönlich empfundenen Furcht und dem öffentlich aufbereiteten Grundgefühl "Angst" (Søren Kierkegaard). Eine Angst vor Terror, die nach den Bombenanschlägen in Boston weiter geschürt wird und den privaten Alltag in öffentlichen Räumen durchdringt.

Dadurch multipliziert sich die Angst, was Gupta auch an jenem Metallkäfig im Käfig verdeutlicht, den sie zwischen die Ausstellungsräume gehängt hat. Es handelt sich um einen kleinen Vogelkäfig, den sie mehrmals proportional vergrößern ließ. Damit verdeutlicht sie, dass sich Macht, Angst, Überwachung und Gefangenschaft gegenseitig steigern, obwohl sich immer ein Ausweg finden ließe.

Aber Angstgrenzen lassen sich nicht einfach so überwinden, betont die Künstlerin. Ebenso wie sich Menschen nicht einfach ihre Hautfarbe, Ängste oder kulturelle Zugehörigkeit abwaschen können. Das soll die Mauer aus hautfarbenen Seifenstücken mit der Prägung Threat beweisen. Damit hat die junge Frau aus Half Widows bereit den Boden des Ausstellungsraums markiert.    (Tereza Kotyk, DER STANDARD, 24.5.2013)

  • Lücken in der Geschichtsschreibung klagt die indische Künstlerin Shilpa Gupta mittels leerer, hervorquellender und damit unübersehbarer Buchseiten an.
    foto: richard-max tremblay

    Lücken in der Geschichtsschreibung klagt die indische Künstlerin Shilpa Gupta mittels leerer, hervorquellender und damit unübersehbarer Buchseiten an.

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