"Wir werden nie aufhören"

Reportage23. Mai 2013, 21:05
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Der Schock über die Ermordung eines britischen Soldaten am helllichten Tag mitten in London sitzt tief. Für die britische Regierung herrscht kein Zweifel: Die Tat geht auf das Konto islamistischer Terroristen, ist aber gleichzeitig auch ein "Verrat am Islam"

Ingrid Loyau-Kennett war auf einen langen Tag gefasst. Nach einem Urlaub in ihrer französischen Heimat und dem Besuch bei ihren Kindern im Londoner Südosten wollte die 48-Jährige die Heimreise in die westenglische Grafschaft Cornwall antreten. Am Mittwoch kam der Trip im Bus der Linie 53 gegen 14.20 Uhr auf der belebten South Circular Road im Stadtteil Woolwich, gleich neben der Kaserne der Königlichen Artillerie, zu einem jähen Ende. "Ich sah einen Menschen auf der Straße liegen, daneben ein Unfallauto. Ich habe Erste Hilfe gelernt, also stieg ich aus, um zu helfen."

Dem Opfer war nicht mehr zu helfen. Loyau-Kennett sah sich plötzlich einem großen Mann gegenüber, der eine Pistole und ein Fleischerbeil in den blutüberströmten Händen hielt. "Er war sehr aufgeregt. Er sagte, er habe den Mann getötet. Ich hatte keine Angst, weil er weder betrunken war noch auf Drogen. Wir konnten miteinander reden."

Er sagte, er wolle "in London einen Krieg starten". Loyau-Kennett: "Den Krieg verlierst du. Du bist allein gegen viele."

Am Tag danach findet das resolute Auftreten der früheren Leiterin von Pfadfinder-Gruppen Anerkennung von höchster Stelle. "Sie hat für uns alle gesprochen", sagt Premierminister David Cameron auf der Schwelle seines Amtssitzes in der Downing Street. Das offizielle London lässt keinen Zweifel daran: Die Bluttat gehe auf das Konto islamistischer Terroristen.

1200 zusätzliche Beamte patrouillieren auf den Straßen. Nachahmungstäter sollen abgeschreckt werden und es gilt, weitere Übergriffe auf Moscheen und islamische Einrichtungen zu verhindern, wie sie über Nacht in zwei Vororten der Hauptstadt bereits passiert sind. "Dieses Land wird dem Terrorismus niemals nachgeben", sagt Cameron, der Mord auf offener Straße stelle "einen Verrat am Islam" dar.

Vieles an der kurzen Ansprache des Premierministers klingt ähnlich wie nach den Ereignissen vom Juli 2005. Damals rissen vier Selbstmordattentäter - drei in Pakistan geboren, einer in Jamaika -  52 Menschen in der U-Bahn und einem Doppeldeckerbus in den Tod. Diesmal haben zwei Extremisten einen jungen Soldaten getötet, Passanten nicht einmal bedroht und rund eine Viertelstunde auf die Polizei gewartet. Als sie die Beamten des Spezialkommandos halbherzig bedrohten, wurden beide Täter gezielt niedergeschossen. Ihr Zustand wird als ernst, aber stabil dargestellt.

Für eine kaltblütige Einzeltat wie die von Woolwich brauchen die Täter kein Netzwerk, kein Training. Spitzfindige Kommentatoren sprechen von einem "Hassverbrechen" statt von einem Akt des Terrors. Aber den Londonern ist anzumerken, dass der Mord von Woolwich Angst und Schrecken verbreitet hat, wie es sich die Täter erhofft hatten.

Vize-Polizeipräsident Simon Byrne informierte inzwischen: Mit dem 25-jährigen Lee Rigby ist den Attentätern ein Veteran des Afghanistan-Krieges zum Opfer gefallen; Vater eines zweijährigen Kindes, Trommler in der Militärkapelle. Die Täter müssen ihm aufgelauert haben: Mit einem blauen Kleinwagen fahren sie ihn an, dann machen sie sich über den Wehrlosen her. Herbeieilende Passanten fordern sie auf, mit ihren Smartphones zu filmen. So kommt es zur Aufnahme, die den 28-jährigen Michael Adebolajo mit blutgetränkten Händen zeigt. Er sagt in die Kamera: "Wir schwören bei Allah, dem Allmächtigen, dass wir nie aufhören werden, euch zu bekämpfen. Wir haben einen britischen Soldaten getötet. Auge um Auge, Zahn um Zahn."

Adebolajo ist in London geboren und stammt Presseberichten zufolge aus einer tiefgläubigen christlichen Familie, die ihre Wurzeln in Nigeria hat. Offenbar konvertierte er an der Uni Greenwich zum Islam. Sein zunehmender Radikalismus habe seine Familie so alarmiert, dass sie in die Grafschaft Lincoln umgezogen sei, heißt es. Wie sein Mittäter war der 28-Jährige bei den britischen Sicherheitsbehörden kein Unbekannter. (Sebastian Borger, DER STANDARD, 24.5.2013)

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    Am Tag nach dem Mord an dem Soldaten verstärkte die Londoner Polizei ihre Präsenz in der Stadt.

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    Eine Frau trauert am Tatort in Woolwich.

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    Lee Rigby wurde getötet.

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