Gutes Klonen, böses Klonen?

Kommentar der anderen23. Mai 2013, 18:49
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Das in den USA angeblich erstmals geglückte und medial vielbejubelte Experiment, menschliche Stammzellen durch Klonen zu erzeugen, ist nicht nur ethisch bedenklich, sondern auch medizinisch überflüssig

Irgendwie schien die Öffentlichkeit nach 15 Jahren Dauerankündigung "Heute klonen wir, morgen heilen wir" ein wenig eingenickt gewesen zu sein, bis sie die jüngste Nachricht aufgeschreckte: Ein amerikanisches Forscherteam in Oregon unter der Leitung des russischstämmigen Shoukhrat Mitalipov publizierte Mitte Mai 2013 in der Fachzeitschrift "Cell", ihnen sei es erstmals gelungen, menschliche Embryonen aus normalen Körperzellen zu klonen. Ein Fernziel der Wissenschafter sei die Gewinnung menschlicher Embryonalzellen für therapeutische Zwecke und nicht die Erzeugung geklonter Menschen, sagte Mitalipovs Team vorsorglich beruhigend.

Doch: Wer soll heute noch ein ernsthaftes Interesse daran haben, einen menschlichen Klon herzustellen, um daraus embryonale Stammzellen (ES-Zellen) zu gewinnen, die ohnehin für den therapeutischen Einsatz beim Menschen zu gefährlich, weil unberechenbar (Krebsrisiko!) sind?

Die Forscher wären in etlichen Ländern der Welt - auch in anderen US-Bundesstaaten - mit Haftstrafen für ihre Klonversuche belegt worden. In Europa könnten sie damit auch kein Geschäft machen: Zellen, deren Gewinnung die Zerstörung von menschlichen Embryonen voraussetzt, dürfen nicht patentiert werden, lautet das richtungsweisende EuGH-Urteil von 2011.

Während anfangs Gelder in Milliardenhöhe in die Forschung mit ES-Zellen geflossen sind, haben sich die Investoren nach und nach kalte Füße geholt und sich aus dem Geschäft zurückgezogen. Selbst Ian Wilmut, wissenschaftlicher Vater des ersten, 1996 erfolgreichen Klonexperiments mit einem Säugetier, dem Klon-Schaf Dolly, hatte sich 2007 offiziell vom therapeutischen Klonen von Embryonen zwecks Stammzellengewinnung distanziert. Es gäbe inzwischen erfolgversprechendere Modelle, sagte Wilmut damals mit Blick auf einen Kollegen aus Japan namens Shinya Yamanaka.

Weltweit geächtet wurde der italienische Reproduktionsmediziner Severino Antinori, als er 2002 behauptete, eine von ihm behandelte Frau sei in der achten Woche mit einem Klon-Baby schwanger. Die Ankündigung war aber offenbar nur ein böser PR-Gag. Wenige Jahre später wurde die Klon-Debatte von einem der spektakulärsten wissenschaftlichen Betrugsskandale überschattet: Der südkoreanische Stammzellenforscher Woo-Suk Hwang wurde 2004 schon als "Volksheld" gefeiert, als sich 2005 herausstellte, dass Hwang seinen menschlichen Klon-Embryo frei erfunden, Frauen zu Eizellenspende für seine Versuche genötigt und die entsprechende Veröffentlichung im renommierten Journal "Science" gefälscht hatte. Hwang wurde rechtskräftig verurteilt. Und als schließlich im vergangenen Herbst das Patentverbot für ES-Zellen in Europa kam, meinten einige schon zu Recht, die Forschung mit ES-Zellen werde einfach sanft entschlummern. Der Jubel über die Nachricht aus Oregon ist deshalb auffallend verhalten. Inzwischen kennen Wissenschaftler mehrere, unterschiedlich gut erprobte Methoden, mit denen sie an Stammzellen kommen können, ohne Embryonen zu "verbrauchen". Das ist ein echter Fortschritt. Warum also gerade jetzt noch in diese überflüssige Forschung investieren?

Der Japaner Shinya Yamanaka hat im Dezember 2012 den Nobelpreis erhalten für seine Methode der Erzeugung von (induzierten) pluripotenten Stammzellen - die ganz ohne Klonen und Embryonenzerstörung auskommt. Sein Verfahren ermöglicht es, eine Körperzelle - etwa eine Hautzelle - so zu "verjüngen", dass sie sich wieder in jegliche Körperzelle entwickeln kann. Die quasi-embryonalen IPS-Zellen sind auf der Überholspur, ihnen gehört die Zukunft.

Im Rückblick lässt sich sagen: Die Fehlschläge des Forschungsklonens hatten ihre positive Seite. Man war gezwungen andere Wege zu gehen. Fazit: Für die Stammzelltherapie ist kein Klonen notwendig. Shoukhrat Mitalipov und sein US-Team haben dennoch an der überflüssigen Technik weitergeforscht, die noch dazu eine bedrohliche Kehrseite hat: die Ermöglichung des reproduktiven Klonens.

Das Machbare hat hier die Grenze des Vernünftigen überschritten. Reproduktives Klonen ist in vielen Ländern verboten. Jahrelange Versuche auf internationaler Ebene, es zu untersagen, sind fehlgeschlagen. Manche Staaten wollen nicht verbieten, nur eine differenzierende Regel zwischen "gutem Klonen" und "bösem Klonen". Was aber soll man hier regeln? Embryonen zuerst zu erzeugen und dann für therapeutische Zwecke zu zerstören, ist überflüssig, seit es IPS-Zellen gibt.

Der politische und wissenschaftliche Konsens für ein Verbot des reproduktiven Klonens ist groß. Wozu dann noch eine Türe offen lassen? Um welchen Preis?

Es ist Zeit, an die internationale politische Vernunft zu appellieren und endlich weltweit und für alle verbindlich das Klonen von Menschen zu verbieten. (Enrique Prat, DER STANDARD, 24.5.2013)


Enrique Prat ist Geschäftsführer des Instituts für medizinische Anthropologie und Bioethik (IMABE) in Wien.

  • Angesichts der jüngsten Manipulationsgerüchte um das Oregon-Experiment ist natürlich auch bei diesem sensationellen Foto vom ersten Schädel-Klonen Vorsicht geboten: Szene aus der als Klon-Krimi konzipierten Kinderoper "Mozart? Mozart!"
    foto: apa

    Angesichts der jüngsten Manipulationsgerüchte um das Oregon-Experiment ist natürlich auch bei diesem sensationellen Foto vom ersten Schädel-Klonen Vorsicht geboten: Szene aus der als Klon-Krimi konzipierten Kinderoper "Mozart? Mozart!"

  • Bioethiker Enrique Prat: Klonen generell verbieten.
    foto: imabe

    Bioethiker Enrique Prat: Klonen generell verbieten.

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