Die soziale Schere im Vorzeigeland Schweden

23. Mai 2013, 18:27
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Die Jugendkrawalle in den Vororten Stockholms erinnern zunehmend an die Ausschreitungen von London und Paris - sogar Kinder schmeißen Steine auf Beamte. Anwohner werfen der Polizei in Schweden Rassismus vor, die Polizei reagiert mit Selbstanzeige

Das malerische Stockholm hat eine Kehrseite. Während die einheimischen Schweden fast ausschließlich in der wohlhabenden Innenstadt und einigen beschaulichen Vororten wohnen, kommen Migranten normalerweise nur zur Arbeit in die Stadt. Nach Dienstschluss verschwinden sie in ihre deprimierenden Vororte. Normalerweise ist es dort sehr ruhig.

Doch seit inzwischen schon vier Nächten brennen dort Autos und Schulen. Öffentliche Plätze werden verwüstet. Erwachsene, Jugendliche und sogar Kinder im Alter von zwölf Jahren schmeißen Steine auf Beamte und Feuerwehrleute. "Es läuft so ab: Die zünden irgendwo was an. Die Feuerwehr kommt zum Löschen. Die Polizei muss dann die Feuerwehr schützen. Dann fliegen die Steine, und der ganze Zirkus zieht weiter", beschreibt Polizeisprecherin Diana Sundin.

Aufmarsch in Kampfanzügen

Begonnen hatte der Aufruhr in der Nacht zum Montag im Vorort Husby. Die Polizei schritt in Kampfanzügen ein. Zwischen 50 und 100 Krawallmacher zählte die Polizei. In den folgenden Nächten weiteten sich die Ausschreitungen auf weitere Vororte Stockholms aus. 30 Autobrände und zahlreiche brennende Mülltonnen meldete die Polizei am Mittwoch. Zudem wurde ausgerechnet im als Vorbild für Integration auserkorenen Stadtteil Skärholmen eine Schule angezündet. Sogar ein Polizeihaus brannte in der Nacht zum Donnerstag. Dennoch blieb die Zahl der Verletzten sehr niedrig, acht Personen wurden am Mittwoch festgenommen. Fahd Luyomba, Gründer eines Jugendzentrums in Husby, hält die Perspektivlosigkeit für den Hauptgrund. "Hier herrscht enorme Arbeitslosigkeit und keinerlei Zukunftshoffnung."

Ein Polizeieinsatz in Husby vor einer Woche, bei dem ein 68-jähriger Mann mit Einwanderhintergrund von der Polizei erschossen wurde, gilt als Auslöser. Der offensichtlich psychisch kranke Mann verbarrikadierte sich mit einer Machete in einer Wohnung. Die Polizei stürmte nach erfolgloser Verhandlung die Wohnung, der 68-Jährige lief mit der Machete auf sie zu. Einer der Polizisten drückte - angeblich zu schnell - ab und tötete den Mann.

Rassismusvorwurf gegen Beamte

Die Stockholmer Vororte gelten im Gegensatz zu denen in London und Paris nicht als gefährlich. Augenzeugen äußerten sich in schwedischen Medien negativ über das Vorgehen der Polizei. Beamte hätten die jugendlichen Krawallmacher noch mit rassistischen Aussprüchen wie "Neger, Affen und Ratten" angestachelt. Im Zuge ihrer Deeskalationsstrategie reagierte die Polizei sofort mit einer Selbstanzeige, um den Wahrheitsgehalt der Vorwürfe zu prüfen.

Der rechtsliberale Ministerpräsident Fredrik Reinfeldt kündigt einen verstärkten Fokus auf Schule und Berufschancen an. Zunächst gelte es aber, in den Problemvierteln "Recht und Ordnung" wiederherzustellen. Die sozialdemokratische Opposition kritisierte, Reinfeldt habe seit seiner Amtsübernahme 2006 nichts für die Einwanderer gemacht. Er habe vor allem Steuern für Unternehmen gesenkt, statt den sozial Schwachen zu helfen. (André Anwar, DER STANDARD, 24.5.2013)

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    Dutzende Autos wurden in drei Tagen angezündet. Kommt die Feuerwehr zum Löschen, muss sie von der Polizei geschützt werden.

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