Wenn Kinder Kindern Gewalt antun

23. Mai 2013, 19:14
106 Postings

Ein 13-Jähriger vergewaltigte eine Achtjährige. Kurt Kurnig, Leiter des psychologisch-psychotherapeutischen Dienstes der AVS Kärnten, sieht mehrere Hintergrundmotive für die Tat

Klagenfurt - Das kleine Mädchen folgte seinem späteren Vergewaltiger (13) ohne Argwohn. Man kannte sich vom Spielen, aus der Nachbarschaft. In einem Kellerabteil des Mehrparteienhauses fiel der Jugendliche - selber fast noch ein Kind - über die Achtjährige her und soll sie über einen längeren Zeitraum hinweg gewaltsam missbraucht haben. Es gilt die Unschuldsvermutung.

Jugendlicher nicht strafmündig

Das Opfer wurde mittlerweile aus dem Klinikum Klagenfurt in häusliche Pflege entlassen. Die Staatsanwaltschaft ermittelt. Der Jugendliche ist allerdings nicht strafmündig. Das Jugendamt kümmert sich um Täter und Opfer sowie deren Familien.

Offen ist die Frage nach dem Auslöser der Tat. Kurt Kurnig, Leiter des psychologisch-psychotherapeutischen Dienstes für Kinder und Familien der Arbeitsvereinigung der Sozialhilfeverbände Kärnten (AVS), zeigt im Gespräch mit dem STANDARD drei mögliche Hintergrundmotive auf: "Er wollte sein Opfer beherrschen und unterwerfen, eventuell auch quälen oder seine sexuelle Überstimulierung abreagieren." 

Unterbringung in Kriseninterventionszentrum

Es könnte aber auch "Zuneigung" eine Rolle gespielt haben. Ob der 13-Jährige psychopathogene Züge aufweist oder Alkohol im Spiel war, müsse durch eine neuropsychiatrische und medizinische Diagnose geklärt werden. Auch die Lebensumstände und das Umfeld von Täter und Opfer müssten einbezogen werden. Im Fall des 13-jährigen Täters sei auch zu überlegen, ob man ihn nicht zu seinem eigenen Schutz vorübergehend in einem Kriseninterventionszentrum unterbringt - auch um ihn wieder in ein normales Leben rückführen zu können. Kurnig: "Sonst wird er zu einer permanenten Gefahr für die Gesellschaft, zu einer tickenden Zeitbombe."

Das Opfer werde mit dem erlittenen Trauma ein Leben lang konfrontiert sein, "Man muss jetzt ganz behutsam vorgehen, wenn man vermeiden will, dass dieses Trauma später zu einer Lebenshypothek wird", so Kurnig. Deshalb sei es auch "nicht ratsam" gleich Psychologen auf das Mädchen loszulassen. "Da muss man abwarten, bis das Kind erste auffällige Reaktionen zeigt, und es danach behutsam befragen, dann Antworten geben und erst zuletzt Hilfe von außen suchen." Das sei aber für die Eltern eine riesige Herausforderung.

Mehr Jugendkriminalität

Sexuelle Frühreife sei heute ein generelles Phänomen. Die Statistik zeige, dass Kriminalität bei zehn bis 24-Jährigen deutlich zunehme und höher liege als bei Tatverdächtigten zwischen 25 und 39 und darüber. Dagegen habe sich die Situation bei sexuellen Übergriffen gebessert. "Da haben wir schon eine hohe Sensibilisierung erreicht. Es wird wieder genauer hingeschaut." Letztlich bleibe es aber Aufgabe der Eltern ihren Kindern einen verantwortungsvollen Umgang mit der Sexualität zu vermitteln. (stein, DER STANDARD, 24.5.2013)


Wissen: Strafrechtliche Verantwortung ab 14

Sowohl im Verwaltungsstrafgesetz als auch im Strafgesetzbuch ist das vollendete 14. Lebensjahr als Grenze der Strafmündigkeit festgelegt. Jüngere Personen sind, wenn sie straffällig werden, ein Fall für die Jugendwohlfahrtsbehörde. In der Regel werden in Zusammenarbeit mit Familiengerichten die familiären Verhältnisse der jungen Straftäter geprüft und Maßnahmen wie Therapien, Intensivbetreuung für die gesamte Familie oder eine Unterbringung der betroffenen Teenager in Kriseninterventionszentren vorgeschrieben.

Im Fall von finanziellen Schäden müssen in bestimmten Fällen Erziehungsberechtigte dafür aufkommen. In Deutschland beginnt ebenfalls mit 14 der strafrechtliche Ernst des Lebens, unter sieben Jahren sind Kinder gar nicht deliktsfähig. In der Schweiz gelten Kinder bereits ab zehn Jahren als strafmündig. (simo)


Nachlese

Achtjährige in Klagenfurt von 13-Jährigem vergewaltigt

Share if you care.