Forscher mobilisieren gegen "Impact Factor" als Leistungs-Kriterium

23. Mai 2013, 11:58
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"San Francisco Declaration on Research Assessment" gegen einseitige Bewertung wissenschaftlicher Leistung

Wien - Kaum jemand würde die Fahrkünste eines Autolenkers danach bewerten, ob sich das Modell, in dem er sitzt, besonders gut verkauft oder die Pannenstatistik anführt. Doch die Leistung von Wissenschaftern wird gerne nach einem ähnlichen Kriterium eingestuft, nämlich der Qualität der Zeitschriften, in dem sie ihre Ergebnisse veröffentlicht haben. Diese Unsitte prangern die Herausgeber namhafter Wissenschaftszeitschriften nun in einer Erklärung an, der sich zahlreiche Forscher und Fördergeber wie der österreichische Wissenschaftsfonds FWF angeschlossen haben.

Die "San Francisco Declaration on Research Assessment" (DORA) sei aus einer Zusammenkunft besorgter Wissenschafter beim Treffen der Amerikanischen Gesellschaft für Zellbiologie im vergangenen Herbst hervorgegangen, so Bruce Alberts, der Herausgeber der Fachzeitschrift "Science" im aktuellen Editorial. Sie verlangen darin vor allem, dass der sogenannte "Journal Impact Factor" nicht mehr dazu missbraucht wird, einzelne Wissenschafter und ihre Arbeit zu beurteilen, was laut Alberts immer öfter geschieht.

Dieser "Journal Impact Factor" wurde in den 1960er Jahren geschaffen, um den Uni-Bibliothekaren die Entscheidung zu erleichtern, welche Fachzeitschriften sie abonnieren könnten. Er ist eine Maßzahl dafür, wie oft die Artikel einer Fachzeitschrift als Referenz genannt werden.

Spitzenforscher Barry Dickson: "Quatsch"

"Der Impact Factor mag dazu dienen, Zeitschriften zu begutachten, und dass sie Werbung damit machen", sagte der Neurobiologe Barry Dickson vom Institut für Molekulare Pathologie (IMP) in Wien. Wissenschaftliche Arbeiten oder Forscher nach dem Impact Factor von Zeitschriften zu beurteilen, in denen sie einmal eine Arbeit veröffentlicht haben, sei hingegen "Quatsch". "Er ist komplett nutzlos, um Wissenschafter zu bewerten", so Dickson.

Trotzdem bleibt es der Traum vieler junger Wissenschafter in angesehenen Zeitschriften - also jenen mit hohem Impact Factor - zu publizieren. Immerhin bringt eine solche Veröffentlichung neben Ruhm und Ehre auch kräftigen Rückenwind bei der Bewerbung um gute Jobs, Stipendien und Fördergelder. Doch die Chancen auf einen paar Seiten in "Nature", "Science", "Cell" oder "Lancet" sind gering. Etwa neun von zehn Arbeiten werden von diesen Zeitschriften abgelehnt, ohne dass sie überhaupt von Fachkollegen begutachtet werden. Nicht, weil sie wissenschaftlich schlecht wären, sondern weil das Publikum - und damit die Zahl der Forscher in dem Fachgebiet, die solch eine Veröffentlichung möglicherweise zitieren würden - oft zu klein ist. Im Schnitt drucken die Top-Zeitschriften von hundert eingereichten Studien bloß eine einzige.

"In bestimmten Forschungsfeldern kann man zu den Spitzenleuten gehören, und erreicht trotzdem keinen hohen Impact-Factor", so der Biochemiker Karl Kuchler von den Max F. Perutz Laboratories (MFPL) der Universität Wien und der Medizin-Uni Wien, der die Erklärung unterzeichnet hat. Dies sollte man bei der Leistungsevaluierung berücksichtigen. "Das passiert aber nicht, und ich glaube dadurch verbrennt man sehr viel Potenzial bei den jungen Leuten", sagte er. Dies geschehe in Österreich genauso wie in anderen Ländern.

Verdrängung in populäre Forschungsfelder

Mit solchen Bewertungen würden Wissenschafter in Gebiete gedrängt, in denen ohnehin viele Leute forschen, meint Alberts. Eine Arbeit bräuchte dort nämlich nicht wirklich herausragend sein, damit sie von vielen Kollegen erwähnt wird.

Die einseitige Beurteilung sei für die Natur- und Lebenswissenschaften ein "schärferes Thema" als für die Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften, erklärte Andre Gingrich, der Leiter des Instituts für Sozialanthropologie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) gegenüber der APA. Dort sei eine Kombination von qualitativer Beurteilung mit ausgewählten quantitativen Kriterien der "üblichere und bewährtere" Weg. Er selbst sei gegenüber jeglichen Zitations-Messungen sehr skeptisch. Mittlerweile wäre auch gezeigt worden, dass Fachzeitschriften den Impact Factor manipulieren, indem sie ihre Autoren dazu bringen, vorzugsweise Artikel aus derselben Zeitschrift zu zitieren, so Gingrich.

Auch der FWF hat die Petition unterzeichnet, weil er damit einen ausgewogeneren Umgang mit solchen Kennzahlen unterstützen wolle. Für seine Entscheidungen würde der Wissenschaftsfonds nicht den Impact Factor, sondern die Bewertung durch Gutachter verwenden. Man sei sich aber durchaus bewusst, dass jene "manchmal solche Kennzahlen zur Beurteilung der wissenschaftlichen Qualität von Personen heranziehen".

"Ich glaube nicht, dass irgendein seriöser Wissenschafter diese Zahlen verwendet, um die Arbeiten und das Können seiner Kollegen zu beurteilen", meint jedoch Dickson. Der Impact Factor sei das Letzte, wonach er zum Beispiel einen Bewerber beurteilen würde. "Ich könnte Ihnen nicht einmal den Impact Faktor einer einzigen Zeitschrift nennen, nicht einmal ungefähr", gibt sich der Spitzenforscher unwissend. (APA, 23.05.2013)

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