Und wie hätten Sie reagiert?

5. August 2003, 11:10
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Zur Amtshandlung im Fall Cheibani W. - Ein Kommentar der anderen von Robert Misik

Der tobende Schwarze erscheint als halbes Tier, das gebändigt gehört: So sieht es das kollektive Unbewusste einer rassistisch grundierten Gesellschaft, in der "Unglücksfälle" mit tödlichem Ausgang dann kein Zufall sind. - Anmerkungen zum Mechanismus des Ressentiments.

Es gehört zu den trostloseren Seltsamkeiten unserer an Seltsamkeiten nicht armen Zeit, dass die meisten die Ohren hochklappen und abwinken, wenn jemand von "Rassismus" spricht. Die schicke Feinderklärung gegen alles Gutmenschliche hatte das Resultat, dass nicht der Rassismus als Ärgernis gilt, sondern diejenigen, die darauf bestehen, dass Rassismus existiert und dieser ein Skandalon ist.

Nun ist, nach allem, was wir wissen, Cheibani W., der am Rande des Stadtparks vom Leben zum Tode befördert wurde, wahrscheinlich nicht deshalb verstorben, weil Rassisten ihn absichtlich getötet oder seinen Tod billigend in Kauf genommen hätten; er wurde beamtshandelt, bis er tot war.

Dies verbindet den Mauretanier mit einigen ähnlich oder anders gelagerten Fällen - dem Fall Omofuma; oder auch mit dem Fall des psychisch kranken Kurden Binali I., wie im STANDARD bereits festgestellt.

Und doch drängt sich die Frage auf: Warum sind es so oft schwarze oder andere fremd scheinende Personen, deren Krankheiten bei Amtshandlungen eine letale Wendung nehmen? Handelt es sich dabei tatsächlich immer nur um "Unglücksfälle", somit um simples Pech, etwas, das dir und mir ebenso passieren könnte?

Das Beruhigende an der Rede vom "Unglück" ist ja die behauptete Kontingenz, die unterstellte radikale Zufälligkeit. Beim Unglück ist nichts Böses im Spiel, nur Pech. Was, wenn das kulturelle Bild vom Schwarzen, wie es immer noch tief im kollektiven Unbewussten unserer Gesellschaft sitzt - übrigens wohl auch in den Köpfen vieler, die sich angestrengt bemühen, nur ja keine "Vorurteile" zu haben, wie das so schön heißt -, solche "Unglücksfälle" provoziert?

Seltsames "Wesen"

Man braucht nur die Bücher des zu Unrecht vergessenen - wenn nicht verfemten - Frantz Fanon, des Psychiaters und Theoretikers des Antikolonialismus, wieder zur Hand nehmen, um zu resümieren, wie dem westlichen Weißen vor fünfzig Jahren der "Neger" schien: unbekümmert, gesellig, redselig, körperlich entspannt, niemals passiv, schamlos exhibitionistisch, von beschränkter Selbstkontrolle, instinktgetrieben, aufbrausend. Sie sind anders als "wir". Hat sich, seit Fanon, an diesem unserem Bild vom Schwarzen tatsächlich so viel geändert?

Dies ist deshalb für unseren Sachverhalt von Bedeutung, weil vor der Folie dieses kulturell konstruierten Schwarzen das "Toben" eines psychisch kranken Schwarzen (oder eines in einer Extremsituation) womöglich nicht immer als Folge einer Krankheit, eines Schubs oder dergleichen wahrgenommen wird, sondern als durchaus typisches Verhalten eines "Wesens", wie gesagt, durchaus anders als "wir", dessen Tun seltsam, nicht immer erklärbar ist.

Tun wir nicht so aufgeklärt: Der tobende Schwarze erscheint, anders als der uns kulturell nähere narrische Weiße, nicht als Kranker oder Sonderling, der Hilfe braucht, sondern als halbes Tier, das gebändigt gehört.

Schon die Begegnung zwischen nicht verrückten Weißen und Schwarzen, und sei sie die Begegnung zweier Wohlwollender, ist doch selten ohne innere Reserviertheit. Die Frage, sei sie auch unbewusst und eher vage im Kopf: "Reagiert er so, wie ich an seiner Stelle auch reagieren würde?" ist immer präsent.

Grotesker Kreislauf

Und tatsächlich erweist sie sich nicht selten auch als scheinbar berechtigt: Denn er reagiert nicht wie ich und ich nicht wie er - weil er eben nicht an meiner Stelle ist und ich nicht an seiner. Er lebt in einer Gesellschaft, die ihm rassistisch begegnet, ihn - wie Fanon schrieb - zum "Neger" macht.

Fanon wollte tatsächlich "mithilfe von Tests" ermitteln, "welche psychischen Veränderungen nach einem Monat Aufenthalt" bei jenen schwarzen Auswanderern aus den Kolonien auftreten, die ins Mutterland Frankreich emigrierten.

Auch wenn die koloniale Situation der Vergangenheit angehört, so hat sich an diesem Grundproblem wenig geändert: Wir werden schwer einen Schwarzen finden, der nicht ständig damit beschäftigt ist, das Ressentiment, die rassistische Herablassung zu wittern, der sich nicht in eine Position der Minderwertigkeit gedrängt fühlt. Es braucht wohl ein bewundernswertes Maß an psychischer Stabilität, dies ohne tiefe Verletzungen zu überstehen.

Es ist also ein ebenso grotesker wie tragischer Zirkelschluss: Der Schwarze, zumal wenn er, wie häufig, auch noch in prekären materiellen und rechtlichen Umständen lebt, ist in unserer Gesellschaft psychisch schwer bedrängenden Verhältnissen ausgesetzt - und wenn er dann ausrastet, dann fühlen sich die Angehörigen der weißen Mehrheit in ihren Ressentiments noch bestätigt.

Wenn diese Angehörigen der weißen Mehrheit einem solchen Schwarzen dann als Ärzte oder Sanitäter gegenübertreten, dann besteht, wie uns graustichige bewegte Bilder nun gezeigt haben, Gefahr für Leib und Leben. (DER STANDARD Printausgabe 24. Juli 2004)

Robert Misik lebt als freier Publizist in Wien. Im Berliner Aufbau-Verlag erscheint dieser Tage sein Buch "Marx für Eilige".
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