Der Frosch, die Frau, das grüne Gesöff

4. August 2003, 20:19
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Überwältigend physische Intensität im Kampf der Geschlechter: "Blush" von Wim Vandekeybus und der Formation Ultima Vez

Mit überwältigend physischer Intensität im Kampf der Geschlechter bei "Blush" kehrt der belgische Choreograf Wim Vandekeybus mit seiner Formation Ultima Vez nach längerer Abwesenheit zu ImPulsTanz zurück.


Wien - Wim Vandekeybus und seine hervorragende Brüsseler Formation Ultima Vez sind einem schon längst abgegangen. Einst Stammgäste bei ImPulsTanz, wurden sie zuletzt 1999 mit dem Männerritual In Spite Of Whishing And Wanting präsentiert. Danach, 2001, entstand das Frauenstück Scratching The Inner Fields.

Diese strikte Geschlechtertrennung muss sich auf das Schaffen des flämischen Choreografen ausgewirkt haben, der danach wohl seine Vorstellungen von femininem und maskulinem Gebaren für sich neu definierte. Wenn in dem im Vorjahr geschaffenen Blush, zu Deutsch "Erröten" - bei ImPulsTanz noch am , 24. und 25. Juli im Volkstheater um jeweils 21.00 Uhr zu sehen - Vandekeybus Frauen und Männer wieder gemeinsam auftreten lässt, treten sie, genau genommen, gegeneinander an.

Es gibt viele Situationen im Leben, Momente oder Vibrationen, sei es Scham oder der prickelnde Reiz des Verliebtseins, die dem Homo civilis die Röte ins Gesicht treiben. Bei Vandekeybus sind es auch Verlockung und Begierde, sind es Grausiges und Furcht Erregendes, die das Blut zum Brodeln bringen, die die zehnköpfige Gruppe einschließlich Vandekeybus selbst in Raserei versetzen. Das Weitere besorgt die speziell für Blush von David Eugene Edwards komponierte und von dessen Band Woven Hand live ausgeführte, die Szenen untermalende und das Geschehen vorantreibende, lyrisch wie mitunter rockig klingende Musik.

Das Szenarium gleicht einer Traumwelt, in der die Fantasie sprießt, Instinktives dominiert, Absurdes neben Realem steht. Es sind wilde, selbstbewusste Frauen, die dieses Zwischenreich bevölkern, die sich nehmen, was sie wollen, die ihre Wollust gleich zu Beginn ins Spiel bringen.

Als eingeschworene Horde sich animalisch gebärdender Furien stürmen sie die Bühne, stoßen krächzend-kreischende Urlaute aus sich, klettern flugs Stangen auf und ab. Dagegen fast gelassen zahm wirkt das fünfköpfige Männerteam. Obwohl auch da seltsame Ideen zutage treten: Sie reizen mit einem Frosch, der im Mixer landet und passiert als Getränk einer blonden Maid gereicht wird, der das grüne Gesöff ins Blut fährt und es in Wallungen versetzt.

Schon in den ersten Szenen konfrontiert Vandekeybus einen mit seiner altbekannten, seit den späten 80er-Jahren gepflegten, immer noch überwältigenden, kraftvollen Tanzsprache. Man hechtet in Höhe der Staubgrenze über die Bühne, schraubt sich im Sprung in die Arme des anderen, gleitet durch die Videowand und kehrt auf geniale Weise als projiziertes, anmutiges Wasserwesen, das sich friedvoll durch das Seegras schlängelt und Berührungen nicht abgeneigt ist, wieder.

Es gibt in Blush auch Szenen, deren Logik schwer zu folgen ist, die irritieren. Zudem wünscht man sich Straffung und ahnt, dass Vandekeybus bewusst auf Längen zielt. Es ist wie ein kurzes Rasten, um den Motor neuerlich in Gang zu bringen, um den Tänzern die letzten physischen Kräfte abzuringen: ein finaler dramatischer Sprint, in dem die meist kämpferischen Pas de deux aufweichen, wo denn doch noch emotionaler Austausch zwischen den Geschlechtern Platz gewinnt. (DER STANDARD, Printausgabe, 24.7.2003)

Von Ursula Kneiss
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    foto: impulstanz
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