Jonglieren mit der Verantwortung

5. August 2003, 11:10
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Nach dem noch immer ungeklärten Tod von Cheibani W. versuchen nun Polizei und Rettung, die Verantwortung für den Einsatz jeweils der anderen Seite zuzuspielen.

Wien - Seit mehr als einer Woche ist Cheibani W. tot. Woran und unter welchen Umständen der 33-Jährige gestorben ist, wird noch immer untersucht, Zeugenbefragungen laufen weiter. Polizei und Rettung versuchen unterdessen aber offenbar wechselseitig, sich die Verantwortung für den Vorfall zuzuspielen. Auch auf politischer Ebene wird der Ton rauer.

Mit den Aussagen der Wiener Gesundheitsstadträtin Elisabeth Pittermann (SP), die der Polizei die Hauptschuld am Tod des Mauretaniers gegeben hat, hat ein Jonglieren mit der Verantwortung begonnen. Für Manfred Reinthaler, Pressesprecher der Wiener Polizei, ist die gesetzliche Lage klar. "Die erste Hilfeleistung obliegt uns. Sobald die Rettung eintrifft und keine Fremdgefährdung mehr vorliegt, dann ist die Rettung zuständig. Im aktuellen Fall hat es sich anscheinend um eine Psychose gehandelt, deren Behandlung in die Kompetenz der Rettung fällt."

Ganz anders sieht dies Alfred Kaff, Chefarzt der Wiener Rettung. "Die Rettung wird sich bei einer tobenden Psychose nicht einmischen, das ist Sache der Polizei. Wir übernehmen erst Patienten, wenn keine Gefährdung mehr besteht", meint er. Einsatzleiter bis dahin sei daher der ranghöchste Polizeibeamte.

Auch den Notarzt nimmt Kaff in Schutz. Dass der Mediziner mit den Händen in den Taschen neben dem regungslos am Boden liegenden Patienten wartet, während Polizisten und Sanitäter auf diesem stehen und knien, wie auf einem Video des Vorfalls zu sehen ist, kann sich der Chefarzt erklären. "Er hat gewartet, bis das Haldol (das verabreichte Beruhigungsmittel, Anm.) wirkt", meint Kaff. "Ob er in der Finsternis sehen hätte können, in welchem Zustand sich der Patient befand, müssen die Gerichte entscheiden."

Vorgangsweise korrekt

Notarzt und Sanitäter wurden suspendiert, dagegen sind die Polizisten der beiden beteiligten Funkstreifen noch im Dienst. Daran wird sich vorerst nichts ändern. Innenminister Ernst Strasser (VP) erklärte dem Standard, dass er "keinen Anlass für dienstrechtliche Maßnahmen" sieht. Was auf dem Video zu sehen sei, entspreche der "Vorgangsweise zur Sicherung eines gefährlichen Mitbürgers."

Wenn Beamte ihre Arbeit nicht richtig machten, dann müsse es Konsequenzen geben, "aber Beamte, die sich an die Rechtsvorschriften halten und sich der Situation angepasst verhalten, haben Anspruch auf Loyalität und Unterstützung."

Er habe daher Stadträtin Pittermann einen Brief geschrieben, "dass sie die ungeheuerliche Vorverurteilung, die primäre Schuld liege bei den Exekutivbeamten, zurücknehmen oder Dokumente vorlegen soll, die das belegen", verwehrt sich Strasser gegen die Vorwürfe. Die Stadträtin befindet sich derzeit auf Kur und war für eine Stellungnahme nicht erreichbar.

FP-Sicherheitssprecherin Helene Partik-Pablé lobte Strasser und fragte gleichzeitig, "warum jemand, der heroinabhängig und aggressiv gewesen sei", im Afrika-Dorf mitarbeiten konnte. Ein derartiger Befund der Gerichtsmedizin steht zwar noch aus, erstes Anliegen von Partik-Pablé war aber ohnehin, gegen Vorverurteilungen aufzutreten. (Michael Möseneder/Conrad Seidl, DER STANDARD Printausgabe 24. Juli 2003)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Viele Fragen sind offen nach dem Tod von Cheibani W.

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