Der Bart ist ab!

15. Dezember 2003, 16:41
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Neue Platten von House-Meistern, schlauen HipHoppern, Einzelgängern und den verlässlich guten Eels

EELS
Shootenanny
(Universal)
Die eher missmutig bis aggressive Stimmung des Vorgänger-Albums Souljacker weicht auf dem neuen Opus der Eels rund um den Oberexzentriker Mark Everett einer sympathischen Geradlinigkeit, die den Eigensinn, das Verschrobene, das die US-Band immer wesentlich charakterisiert hat, zwar weiterhin pflegt, aber doch zurücknimmt. Ein perfider Kunstgriff. Immerhin erscheint Zynismus umso schärfer, wenn er gar liebreizend verpackt überreicht wird. Die Ergebnisse auf Shootenanny - was angeblich keine Aufforderung zum Mord am Kindermädchen sein soll - taumeln zwischen rohem Blues, zerbrechlichen Kleinoden oder verschlagenen Pop-Songs wie Love Of The Loveless. Der Vollbart, den Herr Everett auf dem nebenstehenden Bild noch trägt, ist übrigens mittlerweile ab. Ständig unter Fundamentalistenverdacht auf Flughäfen tiefgehende Untersuchungen über sich ergehen zu lassen, sollen diesen Schritt notwendig gemacht haben: Wie singt sein Alter Ego E deshalb so bitter welterfahren? "These are rock hard times". Allerdings.

BED
Spacebox
(Virgin)
Bed nennt sich das Einmann-Projekt des Franzosen Benoit Burello und stellt sich nach seinem im Zeichen des Lärms stehenden Erstlings in den Dienst ruhigerer Töne. Die intim und klar produzierte Instrumentierung (Beserlschlagzeug, Stehbass, Klavier und Gitarre) kommt dabei sogar in die Nähe eines Kammer-Jazz, biegt jedoch kurz davor ab, um doch lieber vor Mark Hollis und dem Spätwerk von Talk Talk einen Knicks zu machen. Liest sich unspektakulär, klingt anfangs auch so, entfaltet aber im Verlauf eine anziehende Faszination, zumal Bed verdeutlicht, dass es doch noch Künstler gibt, die das Albumformat durchgängig gleichwertig zu füllen wissen.

WAXOLUTIONISTS
Re:Wax
(Universal)
Dass deutschsprachiger HipHop immer dann am besten ist, wenn er darauf verzichtet, den Mund aufzumachen oder sich doch lieber der englischen Zunge bemächtigt, bewiesen die Wiener Waxolutionists in ihrem bisherigen Werk nicht ausschließlich, aber doch weitgehend. Auf Re:Wax legen nun diverse Trabanten des Waxos-Mikrokosmos Hand an Originalmaterial. Die entstandenen Remixe charakterisieren - trotz verschiedenster Zugänge - lässige, scheinbar aus dem Handgelenk geschobene Arbeiten. Einzig der "Groove" im Remix von Stereotyp klingt so ungelenk wie der Versuch, mit Zwei-Meter-Stelzen kühl tanzen zu wollen. Der Rest kommt satt und sexy wie der Opener von den geheimen Stars der Szene, den guten Urbs & Cutex. Was uns zu der Frage führt: Wann kommt eigentlich deren neues Werk?

MOODYMAN
Silence In The Secret Garden
(Rave Up: 01/596 96 50)
Einer der Großmeister intelligenter House-Musik erfreut mit neuen Tracks. Angesiedelt zwischen Einflüssen aus Jazz, Soul, Disco und abstrahierten Abfallprodukten dieser Stile, verdichtet Kenny Dixon jr. alias Moodyman sein Tonmaterial in gefühlsschwere Tiefen. Deren Tönung reicht von Bordeaux-Rot bis Blue Velvet, also von klassisch edel bis hin zu verunsichernden, eher grimmigen Sounds, die von Rufen aus der Ferne begleitet werden und den - no na - hypnotischen Sog seiner Beats verstärken. Wirkt im abgedunkeltem Heim genauso wie auswärts im Club.

POLE
Same
(Mute)

Stefan Betke alias Pole galt bisher als Knusper-Dub-Produzent mit Hang zu Ambient, der sich auf den Alben Pole 1-3 eindrucksvoll manifestierte. Auf seinem neuen, titellosen Werk schwenkt der Berliner Richtung HipHop, erschreckt seine Stammhörer mit einem Rapper, bleibt sich allerdings in der Produktionsweise treu. Allein seine versetzten Beats und eingebauten Kunst-Errors erinnern allzu oft an Space Is The Place von Sluta Leta. Und die haben vor bald zehn Jahren schon so geklungen!
(DER STANDARD, Printausgabe, 18.7.2003)

Von Karl Fluch
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