Kopf des Tages: Schüchterner Held der Tumormedizin

16. September 2003, 12:11
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Es freut den Tumorexperten Christian Kermer ungemein, dass die unter seiner Leitung erstmals stattgefundene Zungentransplantation internationales Medienecho auslöst

Er weiß noch nicht so recht, was er von dem Rummel halten soll. Natürlich freut es den Tumorexperten Christian Kermer ungemein, dass die unter seiner Leitung erstmals stattgefundene Zungentransplantation nicht nur österreichisches, sondern auch internationales Medienecho auslöst. Aber so richtig umgehen mit diesem Erfolg kann der ruhige, beinahe schüchterne Oberarzt an der Wiener Universitätsklinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie nicht.

Gleich nach der öffentlichen Präsentation der Sensation am Dienstagvormittag verzog er sich wieder in den sterilen, von der Außenwelt abgeschlossenen Operationssaal. Nicht weil er die Termine nicht besser koordinieren könnte. Im Gegenteil, auch aufgrund seines logistischen Talents wurde der 1965 in Wien geborene Chirurg mit der Koordination der Zungentransplantation betraut. Kermer liebt die Feinarbeit, die Details. Dazu braucht er Ruhe.

Der jetzige Trubel um seine Person könnte ihm vielleicht aber für seine angestrebte Karriere nützlich sein. Vor drei Jahren hat er an der Wiener Uni, wo er 1989 promovierte, um Habilitation angesucht. Abgelehnt. Für den sensiblen zweifachen Familienvater war das ein mehr als schmerzlicher Schlag. Man habe ihn zwischen zwei Sesseln Platz nehmen lassen, munkelt man in seinem Kollegenkreis, an Fleiß und Können sei es sicher nicht gescheitert. Auch nicht an wissenschaftlicher Arbeit.

1992 veröffentlichte Kermer gemeinsam mit seinem Klinikchef Rolf Ewers zum ersten Mal in einem Topjournal, bis heute brachte es der passionierte Radrennfahrer auf weitere 18 publizistische Etappensiege in international anerkannten Spitzenmagazinen. Zuletzt im vergangenen April im International Journal of Oral Maxillofacial Surgery, in jenem Blatt, dass Kermers Arbeit über die Lebensqualität von Patienten nach Therapie von Gesichtstumoren als eine der vier besten wissenschaftlichen Studien des Jahres 2002 gewertet hatte.

Die Lebensqualität und auch die Überlebenschance von Patienten, die an der Wiener Uniklinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie behandelt werden, ist übrigens weltweit die beste. Nicht zuletzt aufgrund Kermers Engagement, der bei seinen Schülern, obwohl extrem streng, sehr beliebt ist.

Die Arbeit des auf Tumorchirurgie und rekonstruktive Mikrochirurgie spezialisierten Assistenzprofessors an der Wiener Klinik begann vor 13 Jahren. Heute ist er neben seiner Oberarztfunktion an der Klinik selbst auch leitender Oberarzt der Kinderbelegstation sowie Leiter der Spezialsprechstunden für Tumorchirurgie. Auf die Zungentransplantation hat er sich seit zwei Jahren vorbereitet - auf der Pathologie und der Gerichtsmedizin. Dort hat er jeden einzelnen Schnitt an Leichen geübt. In aller Ruhe. (Andreas Feiertag/DER STANDARD, Printausgabe, 23.7.2003)

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    Kopf des Tages: Tumorexperter Christian Kermer.

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