Feindbild - Von Michael Simoner

5. August 2003, 11:10
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Der tragische Tod von Cheibani W. ist noch mit zu vielen Fragezeichen verbunden, um bereits jetzt mit Schuldzuweisungen herumzufuchteln. Trotzdem ist es richtig und wichtig, auf lückenlose Aufklärung zu drängen. Um ein Haar wäre der Vorfall nämlich unter den Teppich gekehrt worden. Hätte nicht ein zufälliger Zeuge und Amateurvideofilmer von seinem Fenster aus einen Teil der Aktion gefilmt, würde sich eine breite Öffentlichkeit schon jetzt mit der Wischiwaschi-Todesursache "Herztod" zufrieden geben.

Es reicht aber sicher nicht aus, den mittlerweile zum Kriminalfall gewordenen Todesfall beim Afrika-Kulturdorf im Wiener Stadtpark aufzuklären und mögliche Täter einer strafrechtlichen oder disziplinären Beurteilung zu überlassen. Das geschieht zu oft nach Einzelfällen: Binali I. war auch so ein Einzelfall. Der 28-jährige, psychisch kranke Kurde wurde vergangenen September erschossen, weil sich ein Polizeibeamter von ihm bedroht gefühlt hatte. Binali I. war zu diesem Zeitpunkt bloßfüßig umhergeirrt, mit einer Glasflasche "bewaffnet". Was er gebraucht hätte: professionelle Hilfe.

Offensichtlich war auch der 33-jährige Mauretanier Cheibani W. ein Mensch, der dringender Hilfe bedurft hätte. Aber wie umgehen mit einem Menschen, der sich in einer psychischen Ausnahmesituation befindet, der tobt, der durchdreht, der sich nicht beruhigen lässt? Keine Ahnung. Aber diejenigen, die zu Hilfe gerufen wurden, hätten es wissen müssen. Es gehört zu ihrem Beruf. Doch so, wie sich die gesammelten Fakten bisher darstellen, wurde Cheibani W. letztendlich nicht als Patient behandelt, sondern als Feind.

Bleibt nur zu hoffen, dass dieses Feindbild keine weitere Verbreitung erfährt. (DER STANDARD, Printausgabe, 22.7.2003)

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