Oben und unten

11. August 2003, 11:23
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Die Hierarchie des Geldverdienens gehört dringend hinterfragt - Kolumne von Barbara Coudenhove-Kalergi

175.000 Euro für Karl-Heinz Grassers Homepage. Ob versteuert oder nicht - das ist eine Menge Geld für eine relativ bescheidene Leistung. 9000 Euro Pension des Wiener Stadtpolitikers Benke - detto.

Wenn man diese Beträge mit den Ausgaben und Einkommen normaler Bürger vergleicht, ist es kein Wunder, wenn sich in der Bevölkerung mehr und mehr der Eindruck durchsetzt: Hier ist etwas gefährlich falsch gelaufen. Der Unterschied zwischen denen da oben und denen da unten ist allmählich so groß geworden, dass der Zusammenhalt der Gesellschaft ernstlich leidet. Der von manchen Medien genüsslich ausgeschlachtete Hinweis auf die Privilegien und Einkommen der Superreichen mit dem unausgesprochenen Appell an die Neidgenossenschaft hat immer etwas Peinliches.

Wie teuer darf teuer sein?

Dass es reiche Leute und hoch bezahlte Fertigkeiten gibt, ist schon okay. Weniger okay wird es, wenn man fragt, warum die Erstellung einer Homepage für den Finanzminister so unendlich kostbar ist. Und wieso ist Beratertätigkeit überhaupt so teuer?

Gibt es Modeberufe, die in unserer Gesellschaft hervorragend bezahlt werden, auch wenn ihr Nutzen nicht unmittelbar einleuchtet? "Heiße Luft in neuen Schläuchen" heißt ein viel gelesenes neues Buch, das diese Branche kritisch unter die Lupe nimmt. Was ist so außerordentlich an der Leistung von Lokalpolitikern? Wieso sind uns diese Tätigkeiten ein Vielfaches dessen wert, was Leute in weniger angesagten, aber durchaus nützlichen Berufen leisten? Gehört unsere Hierarchie des Geldverdienens nicht allmählich hinterfragt?

1600 Euro Durchschnittseinkommen

Das Durchschnittseinkommen der unselbstständig Erwerbstätigen in Österreich beträgt laut Arbeiterkammer monatlich 1600 Euro. Das mittlere der Arbeiterinnen macht 1035 Euro aus. Hilfskräfte in Verkauf und Dienstleistung, also ungelernte Frauen, verdienen ca. 900 Euro. Die Durchschnittspension aller unselbstständig Erwerbstätigen, also Männer und Frauen, beträgt 842 Euro, die der Arbeiterinnen 550.

Zehn Prozent der Österreicher, sagt die Caritas, sind akut arm, das heißt, sie können sich das Lebensnotwendige nicht leisten. Dazu gehören nicht nur Arbeitslose, sondern auch Arbeitende, die "working poor". Demgegenüber verdienen die rund 5000 bestverdienenden Angestellten Österreichs im Schnitt 14.200 Euro, vierzehnmal im Jahr, die wirklichen Spitzenverdiener, die die Statistik nicht wahrnimmt, natürlich wesentlich mehr. Hinter diesen trockenen Zahlen steht das wirkliche Österreich. Es besteht in der überwältigenden Mehrheit aus Menschen, die sich plagen müssen, um einigermaßen über die Runden zu kommen.

Yuppie-Österreich im Fokus

Bei den Mindestsätzen fragt man sich, wie deren Bezieher es überhaupt schaffen. Freilich, dieses reale Österreich ist in der Medienwahrnehmung seltsam unwirklich. Es kommt kaum vor. Vor allem in den Magazinen sehen wir vornehmlich das Yuppie-Österreich, die Welt der schicksten Restaurants, der gesuchtesten Urlaubsorte, der von In-Menschen bevorzugten Weine, der "Seitenblicke"-tauglichsten Leute. Leute wie Karl-Heinz Grasser. Seine Welt und die Welt derjenigen, die die Hauptlast der Steuern tragen, unterscheiden sich wie Tag und Nacht. (DER STANDARD Print-Ausgabe, 21.7.2003)

Wenn sich oben und unten zu weit voneinander entfernen, kann das zu schweren gesellschaftlichen Krisen führen, das lehrt die Geschichte. Österreich gehörte bisher zu den Ländern, in denen die Gesellschaft einigermaßen homogen war, einer der Gründe für die hohe Lebensqualität. Das scheint sich zu ändern. Der Fall Grasser ist ein Warnsignal: 175.000 Euro für eine Homepage mit Babyfotos ist ganz einfach obszön. (DER STANDARD Print-Ausgabe, 22.7.2003)

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