Warteräume gibt's nicht mehr ...

1. Februar 2005, 20:05
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Fehlende Sitzmöglichkeiten, Shopping-Zwang und kein Platz für Kommunikation - Der neue Grazer Hauptbahnhof funktioniert nur für "jung, dynamisch, männlich, einkommensstark"

Schön ist er ja, der neue Grazer Hauptbahnhof. Gläserne Wände erzeugen einen von jeder Seite einsichtigen Raum, Geschäfte schmiegen sich eng aneinander und Gastronomiebetriebe laden zum Konsumieren ein. Scheinbar alles da, was das Herz begehrt. Auf den zweiten Blick muss man/frau aber erkennen, dass hier aber ganz wichtige Funktionen verloren gegangen sind.

Ohne in die Brieftasche greifen zu müssen

Warteräume werden vergeblich gesucht. Sitzgelegenheiten ohne Konsumationszwang befinden sich nur direkt bei den Geschäften oder in der von Hunderten durchhetzten Haupthalle neben den Rolltreppen. Die Toiletten werden von Drehkreuz und "50-Cent"-Automaten bewacht, die eher an ein Hochsicherheitsgefängnis erinnern, als an eine Sanitäranlage.

Durchgängig verglaste Wände geben Einblick in jeden Winkel. Wo das Auge der "Selbst-Kontrollgesellschaft" nicht hinkommt, erledigt das der private Wachdienst.

Die Veränderung des Bahnhofs vom "Aufenthalts- und Kommunikationspunkt zu einem reinen Transitraum mit intensiver kommerzieller Nutzung" sei bereits Teil der Ausschreibung von Seiten der ÖBB gewesen, so Martin Zechner, Architekt des Hauptbahnhofes Graz. "Es ging darum, die Wegbeziehungen neu zu ordnen. Das Wichtigste am Bahnhof ist, möglichst schnell von A nach B zu kommen."

Maximale Nutzung der Immobilie

Ebenso sei die maximale Nutzung der vorhandenen Immobilie im Vordergrund gestanden. So weit wie möglich wurde der Raum für die ÖBB selbst verringert, um die neu geschaffenen Flächen an Geschäfte, im Sinne einer "Shopping Mall", zu vermieten.

Deshalb auch unter anderem die Streichung des Warteraums. Dass sich hier Widersprüche in den Konzepten ergeben, ist Martin Zechner schon länger klar. "Der Betreiber will, dass der Kunde möglichst lange dableibt, um seine Angebote zu nutzen. Das Lebensmittelgeschäft mit den speziellen Öffnungszeiten ist zum Beispiel eine absolute Bereicherung."

Aber Voraussetzung dafür bleibt der Konsum

Der Aufenthalt im öffentlichen Raum muss in unserer mitteleuropäischen Gesellschaft immer mit einem klaren Ziel verbunden sein. Zum Einkaufen, zur Ärztin oder auf ein Amt. Immer im und mit dem Flow. Doch gerade der Bahnhof ist Raum für Leerlaufphasen und Wartezeiten. In diesem Fall entweder Shoppen oder Kaffetrinken, keine Chance für leere Brieftaschen.

Gleich wie alle anderen Firmen, die gewinnbringend wirtschaften müssen, habe die ÖBB jedoch keine sozialen Aufträge mehr zu erfüllen, so Martin Zechner. "Man sagt ja auch nicht, dass IBM oder Mc Donalds einen Aufenthaltsraum bauen müssen."

Wohin nun aber mit Frauen, die ihre Kinder begleiten und versorgen müssen? Durch das Sicherheitskreuz vor der Toilette? Zum Stillen in den Mc Donalds oder neben die Rolltreppe in der Haupthalle? Auf den durchgängig verglasten Cat-Walk?

Jung, männlich, dynamisch und einkommensstark

Gebaut wurde der Bahnhof ganz klar für eine Nutzergruppe: jung, männlich, dynamisch und einkommensstark. Jemandem, dem es egal sein kann, ob sich der Sohnemann ohne vorhandene 50 Cent-Münze in die Hose machen muss. Die Personen, die von dieser Norm abweichen, haben keinen Platz mehr. Kein Platz mehr für MigrantInnen mit Sehnsucht nach der fernen Heimat, für Obdachlose auf der Suche nach einem warmen Schlafplatz oder am Boden sitzende Jugendliche auf dem Weg in den ersten Urlaub ohne Eltern.

(e_mu)

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