Legaler Streik

15. August 2003, 21:01
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Wer bis jetzt vielleicht nicht gewusst hat, dass man in der Provence im Sommer nicht nur duftenden Lavendel findet, sondern auch zwei wichtige Kunstfestivals, in Avignon und in Aix-en-Provence nämlich, der weiß dies zumindest jetzt.

Die beiden Festivals sind nämlich nicht etwa wegen ihres Programms in aller Munde, sondern - weil sie heuer nicht stattfinden. Es streiken nämlich die Bühnenarbeiter.

Bei uns im idyllischen Österreich ist derlei freilich nicht zu befürchten. Übrigens ist auf dem Sektor des Theaters in unserem Land ein Streik gar nicht vonnöten. Zur Lähmung eines Bühnenbetriebes reichen die Kollektivverträge vollkommen aus.

Und dies schon seit langem. Ziemlich genau vier Jahrzehnte, bevor Graz heuer zu Europas Metropole der Kultur ausgerufen wurde, gab es an der Mur natürlich auch schon ein bisschen was davon. Im Opernhaus zum Beispiel. Dort fand im Jahr 1963 die deutschsprachige Erstaufführung von Sergej Prokofjews Oper Der feurige Engel statt.

Wohl konnte man das Presseecho, auf das dieses Ereignis stieß, nicht - so wie in diesem Jahr - nach Kilo wiegen. Doch die Kunde von dieser Produktion drang sogar über den Semmering bis nach Wien. Und schon bald erging von der Wiener Volksoper die ehrende Einladung an Graz, dieses Werk im Rahmen eines Ensemblegastspiels auch in der Bundeshauptstadt zu präsentieren.

Da herrschte in der Belletage des Grazer Opernhauses natürlich eitel Wonne. Der Intendant und Regisseur in Personalunion schwebte förmlich durch die Gänge, und sogar ich, der ich damals als kleiner, rechtloser Dramaturg tätig war, fühlte mich durch den ehrenden Ruf in die Großstadt beflügelt. Ganz zu schweigen von den Protagonisten, die sich allesamt schon als Wiener Kammersänger fühlten.

Doch, wie man weiß, besteht ein Opernensemble nicht nur aus Sängern, sondern auch aus einem Orchester. Und der mächtige Betriebsratsobmann, der nicht umsonst an einem Geigenpult saß, geigte mächtig auf. Sein Solo war knapp und markig. Er befand die finanziellen Konditionen, zu denen die Musikantenschar nach Wien reisen sollte, für unzureichend. Aus. Fertig. Schluss.

Wie vor einem Freistoß hatte sich die Orchestermannschaft dicht geschlossen vor dem Intendanten aufgepflanzt. Und alle seine wortreichen Beschwörungen prallten von dieser wirkungslos zurück.

Da griff dieser, als ehemaliger Sänger um theatralische Effekte nicht verlegen, zu einem eher unüblichen Mittel. Er warf sich malerisch auf die Knie, faltete die Hände und sagte: "Ich bitte Sie, meine Herren." Worauf das Wien-Gastspiel beschlossene Sache war.

Die Chefs von Avignon und Aix-en-Provence knien offenbar nicht gern.
(Peter Vujica/DER STANDARD, Printausgabe, 19./20.7.2003)

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