Wenn Zungen sprechen

6. Oktober 2003, 15:54
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"Dismissed": Zu unserer MTV-Zeit musste man noch den Religionsunterricht schwänzen, um ungestört zwecks Weiterbildung etwa das Rondellkino aufsuchen zu können ...

Der MTV-Welt sind wir irgendwie abhanden gekommen - aus dieser Beziehung ist die Luft raus. Der Todesstoß kam, als sich der Sender weigerte, bei uns Kameras aufzustellen, um unser Privatleben in die Welt zu tragen. Aber, so wie man alte Lieben mitunter wieder zumindest auf einen Mocca treffen will, so schaut man hin und wieder trotzig vorbei bei MTV.

In diesem TV-Fall natürlich in der Hoffnung, dass man jene prickelnde Beziehungsspannung wiederfindet, aus jener fernen Videoclip-Zeit, als manche von uns noch Posterträume an der Wand hatten. Eine Spannung, durch die auch widerlegt wäre, dass wir längst im Vorzimmer des Greisenhaften dösen. Immer wieder wird jedoch zurzeit dieses Unternehmen durch "dismissed" unterlaufen. In dieser eigenartigen MTV-Sendung geht es um Partnerwahl mit den Mitteln der Kommunikation. Das ist jedoch hier ein weiter Begriff.

John hat etwa die Auswahl zwischen Anna und Sandra. Nach einem kurzen Austausch von Höflichkeiten geht es in den Swimmingpool, wo John seine Zunge mit jener von Sandra sprechen lässt. Natürlich hat John auch zwei sprechende Hände. Dann wird mit Anna geplaudert, die Kamera ist ganz nah.

Und dann wird schnell entschieden. Sandra ist draußen, und wir fühlen uns verdammt alt. Denn, wie gut hat es die heutige TV-Jugend! Zu unserer MTV-Zeit musste man noch den Religionsunterricht schwänzen, um ungestört zwecks unterhaltsamer Weiterbildung etwa das Rondellkino aufsuchen zu können. (tos/DER STANDARD; Printausgabe, 19./20.7.2003)

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