Einblick in die "Akte KHG"

26. August 2003, 17:53
99 Postings

Tennispartner, Freundschaftspreise, "längst verbratenes" Geld und Grassers persönliche New-Economy-Blase - Mit Grafik

Wien – Der Generalsekretär der Industriellenvereinigung (IV), Lorenz Fritz, ist hörbar verstimmt. Statt der heutigen Homepage von Finanzminister Karl-Heinz Grasser hätte "von der Konzipierung her eine ganze Internet- und Diskussionsplattform bis hin zu Journalisten und anderen Zielgruppen entstehen sollen und nicht nur etwas Privates und für seine Fans".

175.000 Euro hat die IV der Spaß gekostet, und herausgekommen ist über den Umweg des Grasser-nahen Vereins zur Förderung der New Economy Europas erste Homepage-Affäre. Ein Ergebnis, das Grasser-Kritiker spöttelnd mit dem Platzen der New-Economy- Blase an den internationalen Aktienmärkten vergleichen.

Dem Vernehmen nach stand für das Projekt zu Beginn sogar ein Gesamtbudget von rund 260.000 Euro zur Verfügung. Dies sagt jedenfalls eine an der Homepageerstellung beteiligte Firma. Vereinspräsident und Grassers Kabinettschef Matthias Winkler kommentiert die Summe nicht, er ist generell auf Tauchstation.

Mehr Geld als bekannt

Die zusätzlichen Mittel stammen ganz offensichtlich von weiterhin unbekannten Förderern. Trotz früherer Bestätigungen von Winkler und Fritz will heute keiner der Beteiligten mehr etwas von Zuwendungen über jene der IV hinaus wissen. Der mögliche Grund: Die Förderung der IV an Winklers Verein ging in der Vorwoche mit viel Bauchweh beim Finanzamt als steuerfrei durch, auf zusätzliche Einzelförderer ließe sich die gleiche Argumentation der "satzungsgemäßen Zuwendung" wohl kaum mehr anwenden.

Geflossen sind in einer ersten Phase der Homepageerstellung zwischen Frühjahr und Sommer 2001 rund 110.000 Euro zur Internetfirma FirstInEx, eine Tochter der mittlerweile in Konkurs befindlichen YLine AG von Werner Böhm. Dieser war seinerzeit als FP-Infrastrukturminister im Gespräch. Der damalige FirstInEx-Vorstand Dieter Jandl ist ein enger Schulfreund von Grasser ("mein härtester Tennispartner"). Gearbeitet wurde in dieser Phase an der Homepage karlheinzgrasser.com, die noch registriert ist, aber nie online ging.

Die Honorare für Martrix (IT-Tocher der PR-Agentur Hochegger), die das Konzept rund um die Website erstellte, sowie für die Fotorechte der Agentur "Zehnvierzig" des Grasser-Intimus und früheren FP-Bundesgeschäftsführers Walter Meischberger schätzen Projektbeteiligte auf jeweils rund 30.000 Euro. Hochegger- Geschäftsführer Dietmar Trummer will die Summen nicht kommentieren.

Rückblende: Martrix (Hochegger) hat 2002 die "Infokampagne" Grassers bei Klein- und Mittelbetrieben für 2,3 Mio. Euro umgesetzt. Martrix erstellte auch die Website für die Sparbuchersatz-Idee von Grasser, die Bundesschatzscheine. Dies lief über die Bundesfinanzierungsagentur.

Wie auch immer: Nach dem Ausscheiden von Jandl bei FirstInEx (YLine schlitterte Mitte 2001 in die Pleite) wurde der Auftrag zurückgezogen und andere Firmen starteten einen Relaunch der schon weit gediehenen Homepage.

Die Wiener Internetfirma Lemon42, an der Hochegger mit symbolischen drei Prozent beteiligt ist, die Salzburger Agentur Cop und die Wiener PPM Filmproduction wurden eingebunden. Peter Pilz von den Grünen sagt, PPM-Chef Dieter Klein habe ihm freimütig erzählt, er, Klein, sei ein Freund Grassers und habe daher auch einen Freundschaftspreis verrechnet.

Restgelder an Lemon

Laut Pilz haben Cop (für ein neues Webdesign) und PPM (für Videos) zusammen etwa 22.000 Euro bekommen. Unbekannte Teile des restlichen Geldes müssten demnach an Lemon 42 sowie in den laufenden Homepage-Betrieb geflossen sein. Vor cirka einem Jahr ging karlheinzgrasser.at online. Kürzlich wurden die Kinder- und Jugendfotos Grassers sowie die Autogrammkarten- Bestellmöglichkeit gelöscht.

Die Neuausstattung des Vereinssitzes – Winklers Privatwohnung in der Pilgramgasse 11/30 im 5. Wiener Gemeindebezirk – mit Vereinsgeld, bestreitet dieser vehement. Fritz weist das ebenso hartnäckige Gerücht als "völlig absurd" zurück, dass aus Vereinsgeldern IV-Leiharbeiter in Ministerien bezahlt worden seien, die offiziell nicht auf der IV-Gehaltsliste aufscheinen dürften. Insider halten beide Dementis für plausibel, denn das Geld sei "längst verbraten".

Dazu passt Grassers Ankündigung, den Homepage-Betrieb künftig selbst zu bezahlen. Wobei fraglich ist, ob dann noch, wie die Finanz meint, von einer dienstlichen Homepage gesprochen werden kann. (Michael Bachner/DER STANDARD, Printausgabe, 19./20.7.2003)

Von Michael Bachner

Link
karlheinzgrasser.at
  • KHG, Minister für New Economy, auf seiner Homepage
    screenshot: karlheinzgrasser.at

    KHG, Minister für New Economy, auf seiner Homepage

  • Artikelbild
    grafik: standard
Share if you care.