Drehen, ziehen und dann ein Plopp

22. Mai 2013, 19:52
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Ein Hoch dem Korkenzieher, der seinen Nutzer rasch ans Ziel kommen lässt und Sammlern glückliche Drehmomente verschafft.

Plopp. Was für ein verheißungsvolles Geräusch, wenn der Korken aus dem Flaschenhals flutscht. Dem Korkenzieher sei Dank. Und Samuel Henshall. Der englische Pastor hat das Dreh- und Ziehwerkzeug zwar nicht erfunden, aber 1795 zumindest als Erster patentieren lassen und damit die Ouvertüre für das kultivierte Öffnen von Flaschen aller Art geschrieben. Ein großes Instrumentalwerk für Sammler heute.

Korkenzieher gibt es, seit Gefäße nicht mehr mit Hanf, Wolle, Leinen oder Holzpropfen verschlossen werden. Im 17. Jahrhundert kam die Glasflasche auf und mit ihr die Möglichkeit, Genussmittel wie Wein, Cidre oder Bier länger konservieren zu können. Der aufkommende Wohlstand und sich damit ändernde Trinkgewohnheiten ließen den Flüssigkeitsbefreier im Laufe seiner Geschichte vom Luxus- zum Alltagsgerät werden.

Immer wieder neu erfunden

Wie das Rad wurde dabei der Korkenzieher immer wieder neu erfunden. 3000 Patente und geschätzte 50.000 Modelle zeugen davon. Da gibt es Stangen-, Glieder-, Winden-, Scheren-, Spindelgriff-, Hebel-, Glockenkorkenzieher mit oder ohne Gewindeschaft, Überdruck-, Pumpen-, Flügelkorkenzieher, Federzungen und anderes mehr. Gemeinsam dienen sie einem Zweck: möglichst leicht und schnell an den Flascheninhalt zu kommen.

Mehr als 10.000 verschiedene Geräte sind durch die Hände des österreichischen Korkenziehersammlers, Pardon: Stoppelziehersammlers Peter Höfer gegangen. Seit mehr als 30 Jahren bohrt der Salzburger Weinhändler sich in die Materie hinein und gibt sein Wissen in Form von Büchern und der Zeitschrift Der Stoppelzieher weiter.

Außenstehende mögen ihn und die 999 anderen ernsthaften Sammler weltweit als "Helixophile" belächeln. Doch wer sich so wie er eindringlich mit der Materie beschäftigt, weiß: "Korkenzieher sind eine Anlage mit Wertbeständigkeit." Habe man zum Beispiel für einen James Heeley, englischer Hersteller und Patentinhaber eines der erfolgreichsten Doppelheberkorkenziehers, aus den 1890er-Jahren vor zehn Jahren 80 bis 100 Euro zahlen müssen, koste die Antiquität heute mindestens immer noch so viel - "was man von vielen Aktien nicht behaupten kann", betont Höfer.

Exquisite Stücke und verkorkste Exemplare

Zumal der Markt derzeit eine Hausse erlebt. Ein Gustostück wie der rare Read's Coaxer aus Dublin mit Elfenbeineinlage vom Ende des 18. Jahrhunderts brachte es im Vorjahr in einer Auktion auf 35.500 Dollar (27.400 Euro). Wann immer sich der Preis für Raritäten in einer Versteigerung in die Höhe schraubt, wissen die Kenner: "fotodeal" mischt mit. Dahinter verbirgt sich ein reicher rumänischer Geschäftsmann, der 2015 in Bukarest ein Korkenziehermuseum mit 20.000 Exponaten eröffnen will.

Zu den exquisiten Stücken zählen auch verkorkste Exemplare. Im Rausch der umsatztreibenden Begierde wurden mitunter Geräte mit sensiblen Drehsystemen entwickelt und patentiert, die sich im beständigen Einsatz jedoch als Rohrkrepierer erwiesen. Ein Beispiel dafür ist ein 1842 vom Birminghamer Korkenzieherhersteller Robert Jones auf den Markt gebrachtes Modell. Mit Rosenholzgriff, Messinghülse und einem sensiblen Schraubmechanismus hätte er eigentlich ein Kassenschlager sein können. Doch kurz nachdem das Werkzeug in die Läden gekommen war, erkannte der Hersteller, dass es fehlerhaft war. Die wenigen Stücke, die damals bei der Rückholaktion durchrutschten, erzielen heute ebenfalls Spitzenpreise von mehr als 30.000 Dollar.

Kreative Fälschungen

Doch wer keinen guten Riecher hat, sei gewarnt. Auch bei Korkenziehern kann der Wurm drin sein. "Es gibt ganz fantasievolle Fälschungen", weiß Experte Höfer. "Da werden Teile ergänzt oder gar erfunden, um Unikate vorzugaukeln." Besonders ein italienischer "cavatappi"-Fälscher beweist skurrile Kreativität und bietet meist im Internet immer wieder "echt antike" sogenannte "Coffee Grinder Mechanical"-Stücke aus Messing für mehr als 1000 Euro an. Da ihm solche verdrehten Sachen gegen den Strich gehen, bietet Sammler Peter Höfer kostenlose Begutachtungen an.

Auch wenn sie für viele Liebhaber kein "must have" sind - zu den Raritäten zählen auch österreichische Stoppelzieher. 1882 erhielt ein in Neulengbach ansässiger Fabrikant namens Raoul Arsenius Koeller dafür das erste Patent in der Doppelmonarchie. Wenn Österreich auch hierbei wie auf vielen Gebieten nicht an der Weltspitze mitspielte, so kann es zumindest den angeblich größten Entkorker der Welt vorweisen: zu bestaunen im Grinzinger Heurigen Reinprecht.

Nach mehr als 30 Jahren Sammeltätigkeit sei er am Ende seiner Forschungstätigkeit angekommen, sagt Höfer. Das einzige Stück, was er noch gerne hätte, aber nie kriegen werde: "Jenen wunderbar verzierten und versilberten, von Henry Shrapnel erfundenen und patentierten Korkenzieher, den er 1840 Prinz Albert schenkte und der heute der Queen gehört." (Karin Tzschentke, DER STANDARD, 23.5.2013)

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    In vino veritas. Doch nicht, ohne vorher genussvolle Arbeit geleistet zu haben. Ein englischer Pfarrer meldete 1795 als Erster einen Korkenzieher zum Patent an.

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