Fondsmanager: "Ich vertraue Zahlen nicht"

22. Mai 2013, 19:32
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Der Fondsmanager Charles Dreifus kritisiert "mysteriöse" Banken. Zinsen auf Unternehmensanleihen findet er lächerlich

STANDARD: Sie setzen bei Ihrer Aktienanalyse auf "Buchhaltungs-Zynismus". Was ist das?

Dreifus: Ich habe mir viel Skepsis von meinem Buchhaltungs-Professor Abraham Briloff angeeignet. Er war immer ein lautstarker Kritiker von kreativer Buchführung und verlangte, dass Wirtschaftsprüfer als Ombudsleute auftreten sollten. Als Investor muss man sich viel mit Bilanzen beschäftigen. Das ist nicht sexy, sondern banal. Aber man vermeidet damit die Enrons dieser Welt.

STANDARD: In Ihren Fonds halten Sie keine Bankaktien. Warum?

Dreifus: Ich halte diese Aktien deswegen nicht, weil ich den Zahlen nicht vertraue. Man weiß nie wirklich, wie viel Geld eine Bank wirklich verdient bis man sie zusperrt und die Teile verkauft. Bankbilanzen sind zu mysteriös, es gibt so viele Unbekannte.

STANDARD: Sie verfolgen einen Value-Ansatz, suchen also günstig bewertete Unternehmen. Macht das in einem Umfeld extrem lockerer Geldpolitik überhaupt noch Sinn?

Dreifus: Absolut. Value-Anleger werden niemals Aktien besitzen, die gerade in Mode sind. Ich war etwa beim Internet-Boom 2000 nicht dabei. Zum Glück. Das hat kurzfristig geschadet, war langfristig aber ein Erfolg. Zuletzt habe ich meine Kriterien noch verschärft. Die Unternehmen, die ich kaufe, müssen deutlich mehr als ihre Kapitalkosten verdienen. Als eine Messlatte habe ich traditionell die Rendite von Hochzinsanleihen genommen. Doch die ist zuletzt unter die Marke von fünf Prozent gefallen. Das ist lächerlich. Das ist einfach zu wenig. Die realen Kapitalkosten ohne die Verzerrung der Notenbank sind wohl eher bei sieben Prozent.

STANDARD: Sie suchen billige Aktien, aber sollten Anleger nicht Wachstum suchen?

Dreifus: Ich zahle nicht für die Zukunft. Ich will nicht, dass meine Aktien kollabieren, wenn die rosige Zukunft nicht eintritt. Es ist eine mathematische Banalität, dass man als Anleger Verluste vermeiden sollte. Wenn man 50 Prozent verliert, muss man 100 Prozent verdienen, um aus den roten Zahlen zu kommen. Wenn man 20 Prozent verliert, reichen 25 Prozent Kursgewinn. Eine Value-Methode ist selbsterhaltend, weil sie mich dazu zwingt, Aktien zu verkaufen und Cash zu halten, je höher die Märkte steigen.

STANDARD: Aktuell aber sehen viele Investoren fantasievoll in die Zukunft. US-Aktien etwa sind seit Jahresbeginn um 15 Prozent gestiegen.

Dreifus: Der US-Aktienmarkt bleibt aber attraktiv. Ich finde immer noch Unternehmen, die meine Erwartungen erfüllen. Ein Grund ist, dass viele Anleger wie Pensionsfonds und Stiftungen zurückhaltend sind. Der Aktienmarkt ist bekanntermaßen der einzige Bereich, in dem die Leute billig verkaufen und teuer kaufen. Überall sonst ist es anders. Wenn ein Supermarkt die Preise erhöht, werden die Konsumenten zurückhaltend. Wenn am Aktienmarkt die Preise steigen, steigen die Anleger ein. Wenn die Preise fallen, laufen sie davon. Jeder, der in den vergangenen Jahren verunsichert war, hält es bald nicht mehr aus und steigt ein. Er kapituliert.

STANDARD: Aber warum sollten Investoren gerade in den USA investieren?

Dreifus: Wenn ich mir die Welt so ansehe, wirkt die USA wie eine Oase. In Japan wird abgewertet, die Chinesen würden gerne die Druckerpresse der Notenbank anwerfen, haben aber noch mit einer Immobilienblase zu kämpfen, Europa steckt in der Rezession. Die USA aber haben ein Bevölkerungswachstum, das ist relativ einmalig in der entwickelten Welt. Dazu kommt, dass 70 Prozent der Wirtschaftsleistung interner Konsum sind, nur 15 Prozent sind Exporte. Wenn die Nachfrage aus dem Ausland nach Boeing-Flugzeugen nachlässt, wäre das kein Desaster. Wir haben zudem Schiefer-Öl. Die USA werden vielleicht sogar ein Exporteur von Energie sein. Ich bin bullish. (Lukas Sustala, DER STANDARD, 23.5.2013)

Charles Dreifus (68) ist Fondsmanager bei Royce Funds in den USA und seit 45 Jahren in der Finanzbranche tätig. Er ist in verschiedenen Fonds für mehr als 3,5 Milliarden Dollar an Kundenvermögen verantwortlich. Er war auf Einladung der Gutmann KAG in Wien, für die er den 1996 lancierten Small-Cap-Aktienfonds US Special Equity verwaltet.

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