Über das Stillen in der Steinzeit

22. Mai 2013, 19:00
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Fossiler Kinderzahn eines Neandertalers impliziert: Rasche nächste Schwangerschaft hatte Vorrang vor Gesundheit des Kindes

New York/Wien - Neandertaler könnten ihre Kinder bereits relativ früh abgestillt haben, legt die Untersuchung eines fossilen Kinderzahnes aus der Altsteinzeit nahe. US- und australische Forscher um Christine Austin von der Icahn School of Medicine at Mount Sinai, New York, konnten zeigen, dass sich der Barium-Gehalt im Zahnschmelz bei der Umstellung von Milch auf feste Nahrung messbar ändert. Demnach wurde das Kind, von dem der steinzeitliche Zahn stammt, nur gut sieben Monate voll gestillt.

Den Zeitpunkt des Abstillens zu kennen sei wichtig, weil er viel über die Entwicklung und Vermehrung der Ureinwohner verraten kann, schreiben die Wissenschafter im Fachjournal "Nature". Ein frühes Abstillen beeinträchtigt möglicherweise die Gesundheit der Kinder, erlaubt aber, dass die Mutter schneller wieder schwanger wird - ein wesentlicher Faktor für das Wachstum einer Population.

Bisher konnte man die Ernährung von Kleinkindern nur schlecht rekonstruieren, weil ein geeigneter Marker gefehlt hat. Der scheint mit der Barium-Verteilung im Zahnschmelz nun gefunden: Barium wird mit der Nahrung und dem Wasser in geringen Mengen aufgenommen. Im Mutterleib sind die Zähne, die bereits im Kiefer angelegt sind, noch nahezu frei davon. Nach der Geburt gelangt es mit der Muttermilch in den Körper des Kindes und lagert sich auch im Zahnschmelz ab. Die Wachstumsringe der Zähne ermöglichen eine zeitliche Zuordnung.

Auch bei Tests bei heutigen Kindern zeigte sich, dass der Barium-Gehalt im Zahnschmelz unmittelbar nach der Geburt ansteigt. Die Umstellung auf Flaschenmilch brachte noch höhere Werte. Nach dem Abstillen fallen die Werte rasch ab, weil der Barium-Gehalt von fester Nahrung geringer ist. Dass das Barium-Signal auch einen Fossilierungsprozess übersteht, zeigten die Forscher schließlich am Zahn des Kindes aus der Altsteinzeit.

Nach den sieben Monaten, indem es voll gestillt wurde, bekam das Kind eine Weile zusätzlich feste Nahrung. Mit knapp eineinviertel Jahren wurde es abrupt vollständig abgestillt. Warum das Stillen plötzlich beendet wurde, sei unklar. Der Zeitpunkt der Zufütterung sei aber für Hominoide typisch, schreiben die Forscher. Jäger-Sammler-Gesellschaften fütterten ihren Nachwuchs ebenfalls ab etwa sechs Monaten zusätzlich zur Muttermilch mit anderer Nahrung. (dpa, pum/DER STANDARD, 23. 5. 2013)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Keine steinzeitliche Shampoo-Werbung, sondern eine Neanderthalermutter mit Kind im Diorama eines kroatischen Museums.

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