Gewaltexzesse und potenziell gefährliche Besucher

22. Mai 2013, 17:36
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Genreextremist Nicolas Winding Refn polarisiert arg mit "Only God Forgives", Steven Soderbergh macht aus dem Leben von Liberace eine Tragikomödie, Alain Guiraudie überrascht außer Konkurrenz

Alle Frauen sind angehalten, die Augen zu schließen, alle Männer dürfen genau hinsehen. Nach dieser kleinen Handlungsanweisung folgt in Nicolas Winding Refns Only God Forgives eine sadistische Lektion. Ein gedungener Mörder wird von einem Polizisten (Vithaya Pansringarm), der sich für Gott hält, in einem Karaoke-Club liquidiert. Zuerst fixiert er mit Essstäbchen dessen Hände und Beine auf einem Sessel, danach schlitzt er ihm die Augäpfel auf, zum Abschluss jagt er ihm ein Messer durchs Ohr.

Winding Refn hat vor zwei Jahren Cannes mit Drive im Sturm erobert. Nun ist der dänische Genreextremist mit einem Film zurück im Wettbewerb, der die Kritik beim ersten Screening arg polarisiert hat. Anders als sein Vorgänger kümmert sich Only God Forgives weit weniger um erzählerische Dramatik; der Thriller gleicht mehr einer surreal-archaischen Fantasie in kunstvoll verlangsamten Szenen.

Archetypische Figuren verstricken sich in eine blutige Fehde - ein wenig so, als wäre Winding Refns Wikingerdrama Valhalla Rising ins neonfarbene Bangkok von heute transferiert worden. Vor allem die stilistischen Qualitäten des Films sind beeindruckend. Die tapezierten Innenräume sind in dunkles Rot getaucht und variieren mit grün-blauen Stadtsettings; es gibt wenige Dialoge, dafür leiten tiefe Basstöne durch das albtraumhafte Geschehen. Winding Refn erzeugt eine sublime Atmosphäre des Grauens wie David Lynch - von brütendem Stillstand, wüsten Gewaltexzessen zu fast satirischen Momenten wechselt er dann die Register.

Lauter üble Menschen

Ein kleiner Schwachpunkt ist Ryan Gosling, den man in der Rolle des ultracoolen Poseurs zuletzt zu oft gesehen hat - selbst wenn er hier deutlich mehr Blessuren davonträgt als sonst. Angetrieben von seiner Mutter, einer großartig vulgären, auch eiskalten Unterweltkönigin, soll er die Ermordung seines missratenen Bruders rächen. Kristin Scott Thomas wirkt in diesem Part wie die böse Schwester von Popstar Madonna - die beste, lebhafteste Figur eines Films voller übler Menschen.

Man mag Only God Forgives in seiner Überbetonung von "style" stellenweise prätentiös finden - dennoch muss man diesem bildmächtigen Film, der vom gediegenen Erzählkino abkehrt, doch dankbar sein. Steven Soderbergh erklärte seinen Rückzug vom Kino zwar mit dessen mangelhaften Erzählkonzepten, sein letzter Film, die HBO-Produktion Behind the Candelabra, enttäuscht jedoch genau auf dieser Ebene. Dabei hat die Tragikomödie um den schillernden Entertainer Liberace und seinen langjährigen Liebhaber Scott Thorson viele Schauwerte anzubieten - nicht zuletzt wird das Paar von Michael Douglas und Matt Damon verkörpert.

In der ersten Hälfte wird die Exzentrik des teuren Kitsch liebenden Schlagerstars so ostentativ betont, dass man sich mitunter ungut an den altertümlichen Tuntenklassiker La cage aux folles (Ein Käfig voller Narren) erinnert fühlt. Doch nach und nach tritt das Missverhältnis dieser Schwulenbeziehung deutlich hervor: Scott wird von Liberace wie ein Schoßhündchen gehalten, die Persönlichkeitsstörungen bleiben nicht aus. Wie Soderbergh diese Wendung ins Melodram gelingt, das ist dann doch noch bemerkenswert - und Damons Verwandlung vom Landei zum mehrfach operierten, an Patrick Swayze erinnernden Adonis ebenso.

Nackt in der Sonne Badende

Den weitaus faszinierenderen Film um homosexuelle Lebenswelten hat der Franzose Alain Guiraudie mit L'inconnu du lac (Stranger by the Lake) gefertigt, der in der Sektion Un certain regard zu sehen war. Einziger Schauplatz dieser Arbeit ist ein Strand mit Wäldchen an einem See, der von schwulen Männern als Cruisingzone genutzt wird. Mit großer Selbstverständlichkeit setzt Guiraudie die nackt in der Sonne Badenden ins Bild und begleitet sie auf ihren Streifzügen durchs Gestrüpp, wo sie Sex im Freien haben.

L'inconnu du lac ist ein Film, in dem zunächst alles direkt und unverstellt erscheint: die taxierenden Blicke, die aufrichtigen Konversationen, die körperliche Lust, die auch in expliziten Szenen manifest wird. Aus den Beobachtungen, die sich mit kleinen Verschiebungen wiederholen, tritt jedoch allmählich auch eine komplizierte Ökonomie der Gefühle hervor - ein Erotizismus, der manche einschließt, andere wieder nicht.

Lust und Liebe, Vertrauen und Abwehr werden hier auf denkbar engem Terrain verhandelt und formen die widerstreitenden Pole des Films. Ein gut aussehender, aber potenziell gefährlicher Besucher weckt schließlich das größte Interesse von Franck (Pierre Deladonchamps), der Hauptfigur - und damit gelangen auch noch unberechenbare Gefahren in diesen reichen Film. (Dominik Kamalzadeh, DER STANDARD, 23.5.2013)

  • Neuerliche Zusammenarbeit: Regisseur Nicolas Winding Refn hat Ryan Gosling auch in "Only God Forgives" besetzt.
    foto: festival cannes

    Neuerliche Zusammenarbeit: Regisseur Nicolas Winding Refn hat Ryan Gosling auch in "Only God Forgives" besetzt.

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