America's Cup: Es fliegt, es fliegt, es fliegt

27. Mai 2013, 17:22
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Das älteste Segelrennen der Welt ist auch ein Wissenschafts- und Designwettbewerb - Mit steigendem Speed wächst auch das Risiko für die Segler

Am 6. September 2012 war klar, dass der America's Cup in eine neue Dimension eingetreten ist. Der mehr als 26 Meter lange Katamaran des Camper Emirates Team New Zealand, das bereits zweimal den prestigeträchtigsten Segelwettbewerb der Welt gewinnen konnte, fuhr an diesem Tag zum Training auf den Hauraki Golf vor der Stadt Auckland hinaus. Das schwarz-rote Boot mit seinem prägnanten Flügel-Segel, das 50 Meter gen Himmel ragt, nahm bei einer ordentlichen Brise von rund 17 Knoten an Fahrt auf, grub sich leicht und locker durch die Wellen, beschleunigte und erreichte nach kurzer Zeit die Geschwindigkeit von sagenhaften 40 Knoten, also 74 km/h. Dabei hob der Doppel-Rumpf komplett aus dem Wasser ab. "Team New Zealand fliegt", titelte die Zeitung "New Zealand Herald" am nächsten Tag.

"Das war ein tolles Gefühl", sagt Ray Davies und strahlt, "diese Boote sind wirkliche Raketen." Davies ist der Taktiker der Neuseeländer, die ab dem 7. Juli vor San Francisco um das Finale des 34. America's Cup segeln wollen. Dass die Segelspezialisten von der anderen Seite der Erde gut gerüstet sind, ist sich Davies sicher. Das bewies das Team nicht nur mit seiner eindrucksvollen Rekordfahrt im vergangenen September.

Die erstmals 1851 ausgetragene Regatta ist dafür bekannt, dass sie seglerische und technische Grenzen immer wieder neu auslotet und Standards für das Design im Sportsegeln setzt. Die Grundregeln, die sogenannte Box Rule, für dir Konstruktion der AC-72-Katamarane sind eng definiert. Und weil der Spielraum für Bootsbauer und Designspezialisten so gering ist, hat sich die Regatta zu einem Wissenschaftsrennen entwickelt, das in Nanobereiche vordringt, um minimale Geschwindigkeitsvorteile zu erzielen. "Heute haben wir 32 Designleute im Team", sagt Davies, "2007 waren es nur neun." All diese Segel-, Bootsbau-, Struktur- und Computerexperten müssen dafür sorgen, dass die Stabilität des Rumpfes oder des Segels nicht beeinträchtigt werden. "Das ist natürlich oft eine Gratwanderung", sagt Davies, "denn wenn du etwas verändern willst, das womöglich mehr Geschwindigkeit bringt, musst du dir überlegen, ob du das Risiko eingehen kannst, etwas von der Stabilität zu opfern."

Überwältigt von der Beschleunigung

Da kann es schon mal passieren, dass etwas zu Bruch geht oder der Katamaran nicht nur fliegt, sondern kentert. "Das kann durchaus passieren, wenn du den Kat im Eifer des Gefechts zu sehr forderst", sagt Davies. Die Teams werden in entsprechenden Trainingseinheiten auf solche Kenterungen vorbereitet. Wie unbändig und gefährlich diese Geschoße sein können, sah man kürzlich, als der britische Segler Andrew Simpson bei einer Trainingsfahrt mit dem Artemis-Team ertrank. Der Katamaran war bei voller Fahrt gekentert. Simpson geriet unter das Netz zwischen den Rümpfen und konnte sich nicht befreien.

Wer einmal auf solch einem Geschoß gesegelt ist, wird überwältigt sein von der Beschleunigung, den der Katamaran aus dem Stand heraus schafft. Markenzeichen der acht Millionen Euro teuren Katamarane sind die aus High-End-Carbon gefertigten 600 Quadratmeter großen Flügelsegel, die ähnlich wie Flugzeugtragflächen funktionieren und die über computergesteuerte Sensoren optimal dem Wind angepasst werden können. Der neueste Design-Schrei aber sind die sogenannten Hydrofoils. Verkürzt gesagt sind das L- oder T-förmige Elemente, die an Schwert, Ruder oder Rumpf angebracht werden und die dafür sorgen, dass sich das Boot ähnlich wie ein Flugzeug in der Luft bei entsprechender Geschwindigkeit auf einer stabilen Luftschicht aus dem Wasser heben kann. So entsteht der Effekt der Fliegens bei den Katamaranen.

Die Foils sollen einen Geschwindigkeitsschub von rund 20 Prozent bringen, meinen Experten. Es ist unklar, wer diese Neuerung im America's Cup als Erster einführte. Denn auch der Titelverteidiger Oracle Team USA zeigte sich im Juni des vergangenen Jahres, wie es mit seinem schwarzen AC-72 durch die Bucht von San Francisco flog. Und mittlerweile haben auch die Italiener von Luna Rossa und das schwedische Artemis-Team ihre Megarenner mit den computergesteuerten Foils nachgerüstet. "Wir hatten schon länger überlegt, ob das Foiling eine Möglichkeit wäre, das Boot schneller zu machen", erklärt Davies. "Es gab Fürsprecher und Gegner, und es hat relativ lange gedauert, die Skeptiker zu überzeugen. Wir sind froh, dass es so gut funktioniert." Der Vorteil des Foilings sei nicht nur die Geschwindigkeit, sondern auch die bessere Stabilität des Bootes und der geringere Widerstand bei der Fahrt durch die Wellen, was sich wiederum auf die Geschwindigkeit auswirke.

Mit 95 km/h übers Wasser

Das Hydrofoiling ist keine neue Entwicklung in der Welt der Boote. Ursprünglich wurde die Technik vor allem bei motorbetriebenen Speed-Fähren eingesetzt. Weit verbreitet ist das Hydrofoiling bei der Moth-Klasse. Seit einigen Jahren wird das Foiling für Mehrrümpfer weiterentwickelt. Der französische Trimaran Hydroptère beispielsweise hat mehrere Geschwindigkeitsrekorde aufgestellt. 2009 segelte er 51,36 Knoten (nahezu 95 km/h) schnell. "Die Zukunft liegt über dem Wasser", sagt Klaus J. Enzmann, ein Foil-Experte, der sich seit Jahren mit dieser Technik beschäftigt. Als das Schweizer Cup-Team Alinghi im Februar 2010 vom Oracle-Team herausgefordert wurde und es zu dem wahnwitzigen Duell zwischen einem gigantischen Katamaran und dem Mega-Trimaran der US-Amerikaner kam, gehörte das Foiling bereits zum Entwicklungsprogramm, wurde aber nicht eingesetzt.

"Wir wissen, dass wir ein schnelles Boot haben", sagt Davies, "aber unsere Kontrahenten, insbesondere der Titelverteidiger Oracle, schläft nicht. Es kann sein, dass die plötzlich ein neues Design-Wunderteil aus dem Hut zaubern und dann auf und davon sind." (Ingo Petz, Rondo, DER STANDARD, 24.5.2013)

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    foto: camper emirates team new zealand
  • Der neueste Schrei der America's-Cup-Katamarane ist das sogenannte Hydrofoiling, das die Rennziegen sogar abheben lässt.
    foto: camper emirates team new zealand

    Der neueste Schrei der America's-Cup-Katamarane ist das sogenannte Hydrofoiling, das die Rennziegen sogar abheben lässt.

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