"Die Angst vor einem sunnitisch-radikalen Staat ist da"

Interview23. Mai 2013, 14:58
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In Syrien fürchtet die drusische Minderheit Chaos nach einem Sturz des Assad-Regimes - In Israel engagiert sich die Religionsgruppe hingegen stark im Heer

Sind sie Muslime? Sind sie Israelis? Sind sie Staatenlose? Die Identität der drusischen Religionsgemeinschaft nimmt im Libanon, in Israel und in Syrien ganz unterschiedliche Formen an. Die Konsequenz daraus ist, dass die Drusen einerseits in der israelischen Armee überrepräsentiert sind, andererseits am Golan die israelische Staatsbürgerschaft verweigern. Im syrischen Bürgerkrieg haben die Drusen bis dato nicht Partei ergriffen, wiewohl sie als Minderheit Angst vor der Zukunft des Vielvölkerstaats haben, erklärt Politikwissenschaftler Tobias Lang im Interview mit derStandard.at.

derStandard.at: Die Drusen entstanden ursprünglich in Ägypten. Gemeinsam mit zahlreichen anderen Minderheiten ist ihr Hauptsiedlungsgebiet heute jedoch Syrien, der Libanon und Israel. Was hat dazu geführt, dass ausgerechnet diese Gegend für religiöse und ethnische Minderheiten so attraktiv ist?

Lang: Die gebirgigen Regionen des damaligen Großsyrien, das die heutigen Länder umfasst, waren schwer zugänglich und haben sich jeder zentralen Kontrolle entzogen. Besonders das Libanongebirge war ja ein autonomes Emirat unter den Osmanen, wo Minderheiten eher in Ruhe gelassen wurden und nicht religiös verfolgt wurden, solange sie Steuern gezahlt und nicht gegen die Großmacht aufbegehrt haben. 

derStandard.at: Die Religionsgemeinschaft der Drusen wird als geschlossene Gesellschaft beschrieben. Wie kann man sich das vorstellen?

Lang: Die Drusen sind insofern eine geschlossene Gesellschaft, als sie keine Konvertiten aufnehmen und eigentlich nur innerhalb der eigenen Gemeinschaft heiraten dürfen. Der Austausch mit anderen Bevölkerungsgruppen ist vorhanden, sie leben ja nicht in einem Vakuum, weder sozial noch politisch, sondern mitunter auch in gemischten Dörfern, bevorzugt mit Christen.

derStandard.at: In Israel nehmen die Drusen am Militärdienst teil, es existiert sogar eine Wehrpflicht. Warum?

Lang: Die Wehrpflicht gibt es schon seit 1956. Die offizielle Version dazu ist, dass die Wehrpflicht auf Forderung der Sheiks, der religiösen Würdenträger, eingeführt wurde. Die Forschung hat gezeigt, dass das so nicht stimmt. Es gab einen Plan der israelischen Regierung, die Wehrpflicht für die Drusen einzuführen, um die arabische Bevölkerung zu fragmentieren.

derStandard.at: Haben sich die Drusen zu dieser Zeit als arabisch gesehen?

Lang: Der arabische Nationalismus ist bei den israelischen Drusen nie angekommen, weil sie kaum in Städten gelebt und ein sehr schlechtes Bildungsniveau gehabt haben. Das gilt auch heute noch.

derStandard.at: Welches Interesse hatten die Drusen selbst daran, wehrpflichtig zu werden?

Lang: Der Grund dafür lag natürlich in der Hoffnung auf soziale Absicherung und auch der Absicherung vor Vertreibung oder Landenteignung. Man hat sich erwartet, dass man dadurch einen Vorteil gegenüber der restlichen arabischen Bevölkerung hat. Aber es hat auch damals schon Proteste gegen die Einführung der Wehrpflicht gegeben. Die höchste religiöse Führung hat man aber davon überzeugen können.

derStandard.at: Wie sieht es mit der Wahlbeteiligung der Drusen in Israel aus?

Lang: Die liegt bei ungefähr 56 Prozent und damit ähnlich hoch wie im ganzen sogenannten arabischen Sektor. Wobei sich das Wahlverhalten der Drusen sehr grundlegend von der restlichen arabischen Bevölkerung unterscheidet. Während die Araber unterdessen knapp 80 Prozent ihrer Stimmen den arabischen Parteien geben, ist es bei den Drusen umgekehrt. Bei den letzten Wahlen im Jänner waren mehr als 80 Prozent der Drusen für zionistische Parteien.

derStandard.at: Gibt es rein drusische Parteien?

Lang: Im Libanon ist die überwiegend drusische Progressive Sozialistische Partei von Walid Junblat ein wichtiger politischer Player. In Israel hingegen sind die Drusen fragmentiert und nahezu im gesamten politischen Spektrum präsent. Sie haben sogar in den Haredim-Parteien, zum Beispiel bei der Schas-Partei, Aktivisten. Andererseits hat die Kadima bei den letzten Wahlen sehr stark bei den Drusen gepunktet und wäre ohne sie gar nicht in die Knesset gekommen.

Ein bekannter drusischer Politiker, Ayoob Kara, damals Israels Vizeminister für Entwicklung von Galiläa und der Negev-Wüste, war 2010 auch bei Heinz-Christian Strache in Wien zu Gast. Kara wurde als Vertreter Israels präsentiert, hat sich auch mit dem Vlaams Belang und russischen Rechtsextremisten getroffen. Ariel Muzicant hat damals einen Beschwerdebrief an Netanyahu geschrieben, aber damit nichts bewirkt. Ayoob Kara ist mittlerweile abgesägt worden, aller Wahrscheinlichkeit nach, weil er auf eigene Faust mit syrischen Rebellen Kontakte aufbauen wollte. Innerhalb des Likud ist er rechts außen anzusiedeln.

derStandard.at: Wie gut sind die Drusen in die israelische Gesellschaft integriert?

Lang: In den letzten Jahren gab es massive Ausschreitungen in Dörfern, in denen Drusen mit Muslimen und Christen zusammenwohnen. Junge Drusen sind massiv auf Christen losgegangen. In dem Dorf Maghar war das so heftig, dass ein israelischer Polizeikommandant das im Nachhinein als "Pogrom" bezeichnet hat. Da waren die Schulen mehrere Tage geschlossen, brennende Geschäfte, brennende Autos. Das sind Konflikte, die sich an Kleinigkeiten entzünden. Sie zeigen, dass das Verhältnis zu den Christen angespannt ist, wobei Sozialneid eine große Rolle spielt, weil die Drusen im Arbeitsleben benachteiligt sind durch den Armeedienst. Ihnen fehlen drei Jahre Ausbildung, sie konkurrieren aber mit den sunnitischen und christlichen jungen Leuten um dieselben Jobs.

derStandard.at: Am Golan leben zahlreiche Drusen auf von Israel besetzem Gebiet, die aber zum überwiegenden Teil nicht israelische Staatsbürger sind. Warum verweigern sie die Staatsbürgerschaft?

Lang: Sie waren früher Syrer, bevor Teile des Golans 1967 von Israel besetzt wurden. Als Menachem Begin später beschloss, den Golan zu annektieren, war der Plan, das auf Aufforderung der Bevölkerung zu tun. Die Drusen waren die Einzigen, die noch dort wohnten. Dem Willen zur Annexion wollte man durch das Ansuchen um die Staatsbürgerschaft Ausdruck verleihen. Die israelischen Soldaten haben einfach neue Personalausweise mit der Aufschrift "Staatsangehörigkeit: Israel" an die Bevölkerung ausgeteilt. Das wurde aber von den Drusen abgelehnt. Die meisten, die die Staatsbürgerschaft in den Jahren davor angenommen hatten, haben sie wieder zurückgegeben. Die Sheiks haben damals erklärt, dass jeder, der mit Israel kooperiert, exkommuniziert wird. Das hat dazu geführt, dass unter den Golan-Drusen heute weniger als zehn Prozent die israelische Staatsbürgerschaft haben.

derStandard.at: Der Großteil der Drusen am Golan ist also heute staatenlos?

Lang: Ja, die Bewohner haben israelische Pässe, in denen steht: Staatsbürgerschaft undefiniert. Israel erlaubt ihnen auch Besuche in Syrien und erkennt damit auch in gewisser Weise die Zugehörigkeit an. Es wird natürlich jetzt immer schwieriger, aber es war auch möglich, in Syrien zu studieren oder zu heiraten. Die Golan-Drusen konnten zwar nicht zurück, aber es war immerhin möglich, auszuwandern. Es ist den Golan-Drusen auch erlaubt, ihre Apfelernte nach Syrien zu exportieren, wo sie viel höhere Preise bekommen als in Israel. Das ist für sie sehr wichtig, denn die meisten leben davon.

derStandard.at: Inwiefern denken die Drusen am Golan, die derzeit in der Pufferzone zur syrischen Grenze sitzen, wegen des Bürgerkriegs nun anders über eine israelische Staatsbürgerschaft?

Lang: Es gab Berichte in den israelischen Medien, dass die Zahl der Anträge auf die Staatsbürgerschaft steigt. Ich bin skeptisch, solange es dazu keine konkreten Zahlen gibt. Aber die Konflikte nehmen zu. Es gibt junge, gebildete Leute, die sagen, dass das, was Assad macht, fürchterlich ist. Die Sheiks sind noch immer auf einem Pro-Assad-Kurs. Es ist möglich, dass dieser Konsens, auf dem die Ablehnung von Israel basiert, Risse zeigt. Wenn der Bürgerkrieg noch länger dauert, wird das auch verstärkt werden.

derStandard.at: Wie verhalten sich die Drusen, die in Syrien leben, in der jetzigen Situation? Auf welcher Seite stehen sie?

Lang: Man versucht sich herauszuhalten. Sind die meisten Assad-Anhänger? Ich weiß es nicht. Die Nachrichtenlage ist sehr schlecht, vor allem wenn es abgelegene Gegenden betrifft. Natürlich ist, wie bei allen Minoritäten, die Angst vor einem sunnitisch-radikalen Staat da. Oder dass plötzlich Al-Nusra oder andere salafistische Milizen das Sagen haben im eigenen Siedlungsgebiet.

derStandard.at: Es gibt also keine drusischen Kämpfer im syrischen Bürgerkrieg?

Lang: Einige wenige. In der Provinz Al-Suwayda, wo die Drusen in Syrien die Mehrheit stellen, wurde Anfang des Jahres gekämpft, sicher auch mit Beteiligung von Drusen. Es gibt aber keine breite Mobilisierung der syrischen Drusen. Würde es sie geben, würden wir davon definitiv etwas gehört haben. Wenn die Drusen wirklich Existenzangst haben, dann kämpfen sie sehr verbissen und ohne Rücksicht auf Verluste. Das hat man im libanesischen Bürgerkrieg gesehen, als sie die christlichen Milizen, einen überlegenen Gegner, relativ klar besiegt haben.

Es gibt wohl jetzt vermehrt die Gründung von drusischen Milizen, die primär als Dorfschützer fungieren und kein konkretes politisches Ziel verfolgen. Sie mögen sich der einen oder anderen Seite zugehörig fühlen, aber primär steht das Dorf im Vordergrund. Die Drusen werden sich nicht auf eine Seite schlagen, solange sich die religiöse Führung nicht eindeutig deklariert.

In der Vergangenheit hat es auch Entführungen von Drusen durch Aufständische gegeben. Die Drusen haben sofort geantwortet und in der Provinz Al-Suwayda massigst Sunniten aus Dar'aa entführt. Man hat das dann auf religiöser Ebene geklärt und wieder einen Austausch veranlasst.

derStandard.at: Über die Drusen in Syrien ist im Vergleich zu Israel und dem Libanon wenig bekannt, obwohl sie dort eigentlich mit geschätzt 500.000 am häufigsten vertreten sind - warum?

Lang: Weil in Syrien die Religionszugehörigkeit abgesehen davon, ob jemand Christ oder Moslem ist, unter dem Assad-Regime lange Zeit ein Tabuthema war. Deswegen, weil die Assads selber Alawiten sind und ihre Zugehörigkeit zum Islam nicht außer Frage steht. Die Frage nach Drusen und Alawiten war in Syrien immer sehr heikel und in der öffentlichen Debatte nicht vorhanden, auch im Schulunterricht. Bei den Volkszählungen wurde nur nach Moslem oder Christ gefragt, aber nicht weiter unterschieden.

derStandard.at: Wo würden sich die Drusen selbst einordnen?

Lang: Das ist für viele eine sehr politische Frage. In Israel wird die Mehrheit sagen, dass die Drusen und auf keinen Fall Muslime sind. Im Libanon und in Syrien ist das anders. Im Libanon beruht das politische System ja auf einem konfessionellen Proporz, das Verhältnis der Abgeordneten zwischen Christen und Muslimen ist zum Beispiel auf 50:50 festgelegt. Hier werden die Drusen zu den Muslimen gezählt. Es ist schwer, allgemeine Aussagen zu treffen. Mein Eindruck ist aber, dass im Libanon und in Syrien das Lippenbekenntnis der Zugehörigkeit zum Islam recht weit verbreitet ist. Die Drusen wissen aber ganz genau, dass ihr Glaube in vielen Punkten eigentlich nicht akzeptabel für die Mehrheit der Muslime ist - zum Beispiel der Glaube an Wiedergeburt.

derStandard.at: Wie entwickeln sich die Bevölkerungszahlen der Drusen, nachdem Konvertiten ja nicht erlaubt sind?

Lang: Es gibt ein natürliches Wachstum und zumindest in Israel keine Immigration. Im Libanon und in Syrien hingegen schon. Vor allem nach Südamerika wird ausgewandert. Wir können davon ausgehen, dass in Venezuela ähnlich viele Drusen wohnen wie in Israel. Es gibt auch einen interessanten Kulturtransfer, dass nämlich die Drusen in Syrien und im Libanon Maté-Tee trinken. (Teresa Eder, derStandard.at, 23.5.2013)


Tobias Lang ist Politikwissenschaftler mit dem Forschungsschwerpunkt religiöse Minderheiten im Nahen Osten und Autor von "Die Drusen in Libanon und Israel" (Klaus Schwarz Verlag, Berlin).

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    Derzeit versuchen sich die meisten Drusen aus dem Bürgerkrieg in Syrien herauszuhalten. Sie fürchten eine Verschlechterung ihrer Lage nach einem Sturz des Assad-Regimes.

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    In Israel verstehen sich die Drusen nicht als Muslime. Sie stellen im israelischen Heer einen sehr hohen Prozentsatz.

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    Die meisten Drusen am Golan leben vom Export ihrer Äpfel nach Syrien.

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    Die Drusen gliedern sich in "Unwissende" und "Eingeweihte", die die Religion bewahren sollen. Letztere erkennt man an ihrer weißen Kopfbedeckung.

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