ORF-Führung soll "Pflicht zur Verantwortung" für Programm und Mitarbeiter umsetzen

22. Mai 2013, 16:18
2 Postings

"Einiges an unfreiwilligen Schnitten": Für Horst-Knapp-Preisträger Volker Obermayr "Weg und Ziel" des Managements "nicht ganz" durchschaubar - Dankesrede im Wortlaut

Wien/Mailand - Der von der UniCredit Bank Austria gestiftete Horst-Knapp-Preis für Wirtschaftsjournalisten für das Jahr 2012 ging an Volker Obermayr (46). Obermayr ist stellvertretender Ressortleiter der Wirtschaftsredaktion des ORF Radio. Der seit 1996 jährlich gestiftete und mit 6.000 Euro dotierte Preis für herausragende publizistische Leistungen im Finanz- und Wirtschaftsjournalismus wurde am Dienstagabend verliehen, zum mittlerweile 17. Mal. Vorsitzender der Jury ist Notenbank-Gouverneur Ewald Nowotny.

"Nicht nur gehört, sondern auch verstanden werden"

Für Nowotny ist Journalismus ein Gewerbe, das vom Konflikt lebe. Darüber dürfe aber nie das Gemeinsame vergessen werden. Bank-Austria-Chef Willibald Cernko sagte, Obermayr verstehe es perfekt, komplizierte Sachverhalte für den Zuhörer gut fassbar aufzubereiten, ohne dabei ins Banale abzugleiten. "Auch im Medium Radio ist es heutzutage beileibe keine Selbstverständlichkeit, nicht nur gehört, sondern auch verstanden zu werden und den Spagat zwischen Reichweitenmedium und kontinuierlicher Informationsqualität souverän zu meistern."

Haircut  für Preisverleihung

Der Preisträger selbst blieb in der Bankersprache, als er die Sorgen der ORF-Journalisten ansprach. Extra für die Verleihung habe er sich einen Hair Cut verpassen lassen. An "unfreiwilligen Schnitten mussten wir im Radio in der jüngeren Vergangenheit einiges erleben. Sie alle haben, auf welchem Weg auch immer, mitbekommen, dass das Unternehmen die Ausgaben reduziert und wieder neue Strukturen plant. Wir haben Weg und Ziel noch nicht ganz durchschaut und ehrlich gesagt glaube ich nicht, dass das vor allem an uns liegt", meinte Obermayr. "Wenn wir nach angemessener finanzieller und personeller Basis verlangen, dann ist das kein Selbstzweck oder der Versuch, es uns bequem zu machen." Den Knapp-Preis interpretierte er auch als Appell an die ORF-Direktoren und Stiftungsräte, "mehr in unsere Richtung zu tun". Es gehe darum, "die harte Kernkapitalquote nicht nur zu halten, sondern zu erhöhen."

Die Rede im Wortlaut

derStandard.at/Etat bringt im Folgenden die Dankesrede Volker Obermayrs im Wortlaut:

"Bei einer Dankesrede, habe ich mir sagen lassen, ist es wie mit einem Radiobeitrag - Anfang und Ende sollten recht nah beieinander liegen, vor allem zeitlich. Ich werde mir Mühe geben ...

Es ist für mich die Auszeichnung zur Auszeichnung, dass Sie an diesem Abend in die Bank-Austria-Zentrale gekommen sind. Herr Cernko, vielen herzlichen Dank für die Einladung. Und natürlich herzlichen Dank, dass Sie die Summe für den ohnehin schon symbolisch so wertvollen Professor-Horst-Knapp-Preis nicht reduziert haben. Ich gehe fest davon aus, dass die Regierung diese Form der Bankenabgabe nicht nur toleriert, sondern akzeptiert.

Ein großer Teil meiner Freude auf diesen meinen ersten Preis als Journalist gilt der Laudatio von Professor Nowotny. Wissend, dass man bei Interpretationen der Aussagen von Notenbankchefs vorsichtig sein sollte - ich nehme an, ich habe Sie öfter informiert denn verwirrt. Ich fühle mich wahrlich geehrt, welche Worte Sie für diesen Abend gewählt haben. Vielen, vielen Dank. Ich verspreche Ihnen, dass ich Ihnen heute jedes Wort glaube, nicht widerspreche und auch nicht nachfragen werde.

Eine kleine Anmerkung will ich mir dennoch nicht verkneifen. Ich werde den Verdacht nicht und nicht los, dass Sie sich in der Jury deswegen für meine Person und Arbeit entschieden haben, damit Sie mich wenigstens einmal ohne Jeans und Motorradjacke erleben. Voilà! Und ich habe mir extra einen Haircut verpassen lassen.

Unfreiwillige Schnitte

Einiges an unfreiwilligen Schnitten mussten wir im Radio in der jüngeren Vergangenheit erleben. Sie alle haben - auf welchem Weg auch immer - mitbekommen, dass das Unternehmen die Ausgaben reduziert und wieder neue Strukturen plant. Wir haben Weg und Ziel noch nicht ganz durchschaut, und ehrlich gesagt glaube ich nicht, dass das vor allem an uns liegt. Jedenfalls treffen die Maßnahmen auch wieder den Aktuellen Dienst Radio, denn die Zeiten für den klassischen Journalismus haben sich in sehr kurzer Zeit extrem verändert. Eben weil sie sich extrem verändert haben - Stichwort neue Medien -, weil es ein unüberschaubares Angebot an Information gibt, das uns Tag für Tag überrollt, braucht es Redaktionen, die das Angebot auffangen, filtern, ordnen, aufbereiten, abwägen und so transportieren, dass diese Informationen auch verstanden werden, die Einordnung leicht fällt.

Wir versuchen das wirklich an jedem Tag im Jahr - bei allen Einschnitten, die schon erfolgt sind, und bei allen Fehlern, die uns passieren. Dafür bitte ich gleich einmal um Nachsicht, besonders für mein temporäres Unvermögen. Da ist in den bald 25 Jahren als Journalist einiges zusammengekommen.

Für die verantwortungsvolle, immer wieder meinungsbildende Arbeit unsererseits braucht es Menschen, die ihren Beruf mit Passion ausüben, auch wenn das bei manchen von Ihnen immer wieder Leiden schafft und wir Ihre Geduld bis an die Grenzen strapazieren (darin sind wir wirklich gut, ich weiß).

Wir kümmern uns eben um Tatsachen, die wir hoffentlich nicht verdrehen. Wir wollen auf alle Fälle sowie in vielen Fällen gehört und auch verstanden werden - sei es von Ihnen oder von jenen im Unternehmen, die uns den Rahmen für unsere Arbeit vorgeben.

Dass wir nach außen wie nach innen kritisch, manchmal keck und meistens konstruktiv agieren, das hat sich - nehme ich an - ebenso herumgesprochen.

Wenn wir nach angemessener finanzieller und personeller Basis verlangen, dann ist das kein Selbstzweck oder der Versuch, es uns bequem zu machen. Journalismus, wie wir ihn im Funkhaus verstehen, ist eine immer wieder aufwendige Kopf- und Handarbeit, die sich nicht in Dienstpläne mit 40 Stunden pro Woche pressen lässt und die auch nicht so nebenbei erledigt wird - wie bei uns etwa oft genug das Wirtschaftsmagazin "Saldo". Das hat sich weder unser Publikum noch unsereins verdient.

Den Aktuellen Dienst Radio zu stärken, Qualitätsjournalismus nicht nur zu ermöglichen, sondern ebenso zu fördern stärkt den ORF, stärkt die demokratische Kultur im Land insgesamt, und das ist wirklich ein verlässlicher, nachwirkender Mehrwert eines öffentlich-rechtlichen Mediums. Nicht billig, ich weiß, aber zu 100 Prozent lohnend.

Den Horst-Knapp-Preis für meine Wenigkeit und damit das Radio-Ressort Wirtschaft interpretiere ich deswegen ebenso als einen Appell an die ORF-Direktoren und -Stiftungsräte, mehr in diese unsere Richtung zu tun. Es muss in deren Interesse sein, weiterhin motivierte, engagierte Fachkräfte zu haben - im übertragenen Sinne die harte Kernkapitalquote nicht nur zu halten, sondern zu erhöhen. Wir sind definitiv keine Spielmasse und lassen uns weder auf Rot noch Schwarz oder sonst eine Farbe setzen.

Swap, Derivate, Bailout, Non-performing Loans und Co

Wir hatten und haben mit den diversen Ereignissen rund um den Globus ohnehin genug zu tun. Die Welt ist in kurzer Zeit ganz schön kompliziert geworden. Es gilt, ganz neue Bereiche abzudecken und Begriffe wie Swap, Derivate, Bailout, Non-performing Loans und Co zu erklären. In Anlehnung an Bert Brecht haben wir uns nicht nur einmal gefragt, was ist eigentlich die Gründung einer Bank gegen die Sanierung sowie Abwicklung einer solchen? Es sind meistens mehr als drei Groschen, mehr als Dutzende Fragen und Folgen.

Es ist und bleibt eine unserer zentralen Aufgaben im Aktuellen Dienst Radio, diese vielen grundlegenden Entwicklungen in der Welt der Ökonomie und Hochfinanz ernst zu nehmen, sie gleichsam zu übersetzen und darüber zu berichten, weil sie oft genug jeden Einzelnen von uns betreffen. Im Ressort Wirtschaft haben wir es da meist ein wenig schwerer, weil die Farbtöne zwischen Schwarz und Weiß zahlreicher sind und wir es - im Gegensatz zur tagespolitischen Berichterstattung - mit anderen Zeitspannen zu tun haben.

Wir werden jedenfalls weiterhin viel zu tun haben, damit Sie sich eine gut fundierte Meinung bilden können. Der Preis heute bestätigt Ihr Vertrauen in unseren Weg, und er legt die Latte noch ein Stückchen höher. Ich gehe davon aus, dass Sie uns weiterhin konstruktiv-kritisch begleiten, damit wir diese Latte möglichst selten reißen. Wir lassen uns da gerne in die Pflicht nehmen, und es wäre schön, wenn die Führung ihre Pflicht zur Verantwortung gegenüber dem Programm, dem öffentlich-rechtlichen Auftrag und den Mitarbeitern ernst nimmt sowie umsetzt.

Bevor es ins Finale geht, möchte ich mich bei allen bedanken, die mir in den vergangenen Jahren Rückhalt, Inspiration, Feedback, Freiraum gegeben und viel an Verständnis sowie Verzicht aufgebracht haben. Die mir mit klugen Pässen und viel Laufarbeit geholfen haben, mich von Belastungen zu lösen und in Stellung zu bringen, den Zug zum Tor aufzunehmen und die Chance auf einen Treffer wenigstens zu erhöhen. Dazu zählen einige Menschen, besonders meine Eltern, meine Radiokollegen, meine Freunde und primär zwei Menschen im ORF, die mich als Journalisten, mein Denken und Handeln, nachhaltig geprägt haben und die beide viel zu früh gestorben sind - meine Büroleiter in Brüssel sowie Deutschland, Günter Schmidt und Paul Schulmeister.

4:0 im internen Duell mit TV

Sehr geehrte Damen und Herren der Jury, ich fühle mich wahrlich geehrt und möchte mich nochmals bei Ihnen für diese Auszeichnung sehr, sehr herzlich bedanken. Es ist ein Preis, der dem Aktuellen Dienst Radio, dem Ressort Wirtschaft und mir wirklich viel bedeutet. Nicht nur, weil es im internen Match mit der TV-Information in puncto Fachauszeichnungen heuer nun 4:0 steht. Es ist ein weiterer Grund, nicht lockerzulassen.

Die hohe Juryanerkennung symbolisiert Qualität, Kontinuität, Kompetenz, Tiefe und Verständlichkeit. Sie steht für den Journalismus, wie wir ihn im Funkhaus mit einem hohen Maß an Anspruch praktizieren: unabhängig, differenziert, dem Publikum und sonst niemandem verpflichtet. Für uns ist der Horst-Knapp-Preis so etwas wie der Meisterteller nach einer nicht immer einfachen, aber meist wirklich guten Saison. Ich hoffe, Sie fühlen sich an diesem Abend wie das Team, dem ich angehören darf - schlicht ausgezeichnet. Und weil es zu meiner Geburtsstadt, der Bank-Austria-Mama und zum Protagonisten des folgenden Vortrags passt - mille, mille Grazie." (APA/red, derStandard.at, 22.5.2013)

  • Preisträger Volker Obermayr.
    foto: orf/günther pichlkostner

    Preisträger Volker Obermayr.

Share if you care.