Gleich zahlen im Kaffeehaus

23. Mai 2013, 17:00
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Am Ende eines gemütlichen Kaffeehaustages kann sich die Übersicht leicht eintrüben - Oder: Dies wäre eine Infragestellung der Integrität des sinnierenden Stadtmönchs

Pro: Freunde fürs Leben
Von Michael Simoner

Ins Kaffeehaus schaut man ja immer auf einen Sprung. Also nicht, wie im Süden, nur auf einen Stehespresso an die Theke, sondern eben auf einen Sprung. Was in Wahrheit gar nichts heißt. So ein Sonntagspätvormittag samt Mittag und frühem Nachmittag sind im Café schnell vergangen. Und weil der Lesestoff auf richtigem Papier praktisch nie ausgeht, kann schon einmal der Abend dämmern, bevor buchstabentrunken der Ruf nach der Rechnung erschallt. Und dann kommt's darauf an: Haben Herr Ober oder Frau Oberin eine anständige Zettelwirtschaft geführt? Waren es zwei oder drei Fernets nach dem Sonntagsschnitzel? Gab es dazwischen einen Schichtwechsel im Service? Und gibt's vielleicht einen Preisnachlass für die fünf kleinen Braunen? Am Ende eines gemütlichen Kaffeehaustages kann sich die Übersicht leicht eintrüben.

Deshalb: Nach jedem Durchgang gleich zahlen - und Betreuer und Betreute bleiben Freunde fürs Leben. Da denkt ein Stammgast auch nicht viel über das vermutlich großzügiger gewährte Trinkgeld nach. 

Kontra: Entschleunigung
Von Ljubisa Tosic

Wer sich im urbanen Kloster der Entschleunigung, im Kaffeehaus also, niederlässt, genießt vonseiten des Obers Schutz. Du, Gast, darfst bei einem kleinen Schwarzen ungestört - bei stündlich nachgeliefertem Frischwasser - betrachten, wie der Morgen zum Mittag und der Mittag zum Abend wird. Hier mögest du der lesenden Weltbetrachtung huldigen, ohne dass der Ober Folgebestellungen einfordert oder auf Bezahlung drängt. Dies wäre Geschäftemacherei und eine Infragestellung der Integrität des sinnierenden Stadtmönchs, also eine grobe Unhöflichkeit, die auch das Wesen des Kaffeehauses beleidigt.

Ebenso würde der Bestellende durch sein Ansinnen, sofort zu zahlen, verdeutlichen, die Seele des Kaffeegenusses nicht erfasst zu haben. So jemand möge sich irgendwo einen Pappbecher mit rostdunkler Flüssigkeit auffüllen lassen und achten, beim zungenverbrennenden Schlürfen nicht zu stolpern. Im Kaffeehaus schlüge ihm nur jene bedienende Verachtung entgegen, deren Grausamkeit in Wien-Reiseführern besungen wird. (Rondo, DER STANDARD, 24.5.2013)

  • Der Bestellende würde durch sein Ansinnen, sofort zu zahlen, verdeutlichen, die Seele des Kaffeegenusses nicht erfasst zu haben.
    foto: andrea maria dusl

    Der Bestellende würde durch sein Ansinnen, sofort zu zahlen, verdeutlichen, die Seele des Kaffeegenusses nicht erfasst zu haben.

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