Hebung der Anden beendete Krokodil-Vielfalt

25. Mai 2013, 18:00
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Bis vor fünf Millionen Jahren lebten in Südamerika so viele unterschiedliche Arten nebeneinander, dass sie sich stark spezialisieren mussten

Zürich - Selbst im Norden Südamerikas und in Südostasien, wo heute die größte Artenvielfalt an Krokodilen existiert, leben nie mehr als zwei oder drei Arten nebeneinander. Ganz anders war das offenbar noch am Ende des Miozän, wie die Universität Zürich berichtet. Während der Zeit vor neun bis fünf Millionen Jahren lebte in Südamerika eine Vielzahl an Krokodilspezies, die sich stark spezialisieren mussten, um nebeneinander existieren zu können.

Ausdifferenzierung und Spezialisierung

Ein internationales Paläontologen-Team unter Leitung von Marcelo Sánchez und Torsten Scheyer von der Uni Zürich fand Hinweise auf eine später nie mehr erreichte Artenfülle in den Deltas des Amazonas und des nicht mehr existierenden Flusses Urumaco im heutigen Venezuela. Insgesamt vierzehn verschiedene Krokodilarten lebten hier, und mindestens sieben davon besetzten gleichzeitig den selben Raum.

Im Urumaco-Gebiet entdeckten die Wissenschafter auch zwei bislang unbekannte Krokodilarten: Den Globidentosuchus brachyrostris, der zur Familie der Kaimane gehörte und kugelförmige Zähne besaß, und Crocodylus falconensis, ein Krokodil, von dem die Forscher vermuten, dass es deutlich über vier Meter lang wurde.

Laut Sánchez waren im venezolanischen Fossilbestand alle Familien der heute existierenden Krokodilartigen vertreten: Die Crocodylidae, die sogenannten echten Krokodile, ebenso wie die Alligatoridae, zu denen neben den echten Alligatoren auch die Kaimane zählen. Und sogar die durch ihre extrem lange, dünne Schnauze charakterisierten Gaviale, von denen es heute nur noch eine einzige Art gibt, die im Norden Indiens vorkommt.

Auf dem Menü: Muscheln oder rindergroße Nagetiere

Aufgrund der sehr unterschiedlichen Kieferformen sind die Forscher überzeugt, dass sich die verschiedenen Krokodilarten hochspezialisiert ernährten: Mit ihrer spitzen, engen Schnauze werden sich die damaligen Gaviale von Fischen ernährt haben. "Gaviale besetzten im Habitat jene Nische, die nach ihrem Aussterben von den Delfinen besetzt wurde", vermutet Sánchez.

Globidentosuchus brachyrostris dagegen dürfte mit seinen kugeligen Zähnen auf Muscheln, Schnecken oder Krebse spezialisiert gewesen sein. Riesenkrokodile wiederum, die bis zu zwölf Meter lang waren, dürften sich von Schildkröten, Riesen-Nagetieren, die so groß wie Rinder werden konnten, sowie kleineren Krokodilen ernährt haben. Scheyer: "In Südamerika gab es damals keine Raubtiere, die drei Meter lange Schildkröten oder Riesennager hätten zur Strecke bringen können. Die Riesenkrokodile besetzten genau diese Nische."

Das Ende vom Lied

Die ungewöhnliche Artenvielfalt in den Küsten- und Brackwasserbereichen von Urumaco und Amazonas endete laut den Forschern vor ca. fünf Millionen Jahren: Sämtliche Krokodilarten starben damals binnen kurzer Zeit aus. Ursache für das Aussterben der Krokodile dürften aber nicht Temperatur- oder Klimaänderungen gewesen sein. Verantwortlich machen die Forscher ein tektonisches Ereignis: "Die Hebung der Anden veränderte die Flussläufe. So entwässert der Amazonas heute bekanntlich nicht mehr in die Karibik, sondern in den wesentlich kühleren Atlantik", erklärt Sánchez.

Mit der Zerstörung des Habitats entstand eine völlig neue Fauna, wie man sie heute aus den Orinoco- und Amazonas-Gebieten kennt. Im früheren Urumaco-Gebiet dagegen herrscht seit dem Versiegen des Urumacos ein sehr trockenes Klima, das für Krokodile nicht mehr geeignet ist. (red, derStandard.at, 25. 5. 2013)

 

  • Zwei neuentdeckte Krokodilarten, die vor etwa fünf Millionen Jahren ausstarben: Das bis zu vier Meter lange Crocodylus falconensis und darunter der Kaiman Globidentosuchus brachyrostris, der vermutlich Schalentiere geknackt hat.
    foto: uzh

    Zwei neuentdeckte Krokodilarten, die vor etwa fünf Millionen Jahren ausstarben: Das bis zu vier Meter lange Crocodylus falconensis und darunter der Kaiman Globidentosuchus brachyrostris, der vermutlich Schalentiere geknackt hat.

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    foto: uzh
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