Exzellentiokratur und Unbildung

Blog22. Mai 2013, 14:17
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Aus unserer Gesellschaft verschwinden humanistisch-demokratische Gruppierungen - Wir bewegen uns in Richtung einer Exzellentiokratur, die ihre Rechtfertigung aus manipulativen Ratingagenturen bezieht

Unsere Kultur kannte bereits diverse tabuisierte und instrumentalisierte Dogmata, welche tunlichst verschwommen definiert blieben und dennoch mit dem Präfix "für" als Rechtfertigung jeglicher autoritärer Handlung der Proponenten dienten: Die höhere Ehre Gottes, Kaiser, Gott und Vaterland, Das deutsche Volk, Der Fortschritt. Und hier reiht sich nahtlos an: die Exzellenz.

Alles dreht sich zur Zeit um den nicht ausgesprochenen, aber tatsächlich erhobenen Herrschaftsanspruch der selbsternannten oder von Strickleitersystemen beglaubigten Exzellenten über das metrisch weniger ausgewiesene, sozusagen unexzellente Minderleistungsproletariat, welches sich nach dem Willen der Exzellentia tunlichst von Wirtschaftspolitik, Staatslenkung und natürlich auch der Universität fernhalte, dort zumindest ruhig verhalte oder die Universität gar nicht erst betrete, zumindest schnell wieder verlasse.

Exzellenzhürde am Beginn des Studiums

Letzteres war bisher schwer zu betreiben, wird aber nun durch eine Exzellenzhürde gleich am Beginn des Studiums installiert. Die österreichische STEOP ist nun das neue perfide Tool zum Aussieben von braven Exzellentia-JüngerInnen. Denkende, sensible Menschen mit Bedürfnis nach breiter selbstverantworteter Bildungsstrategie in selbstbestimmtem Tempo, welche allenfalls nebenbei arbeiten oder sich um andere Menschen (ihre alten Eltern) kümmern wollen, werden hinweggeekelt.

Das Feigenblatt zu dieser Maßnahme ist das unter bester Akzeptanz aller EntscheidungsträgerInnen, mit voller Absicht verknappte Bildungsbudget. Sinnvollere Alternativen eines zeitgerechten Leistungsnachweises (Vordiplom oder ähnliches) sind ja dank Bologna nicht mehr so leicht möglich. Es geht doch nicht um den Kritikern regelmäßig unterstellten Wunsch nach leistungslosem Studium, sondern um Vermeidung einer rein sparpolitisch motivierten Demotivation, Negativselektion und Studierendenwegweisung!

Manipulative Rating-Agenturen

Kurz gesagt bewegen wir uns in Richtung einer Exzellentiokratur, welche ihre Rechtfertigung aus manipulativen Rating-Agenturen diverser Art bezieht. In der Ökonomie haben wir "Standard and Poors" (die Standard setzenden und die Armen - nomen est omem). In der Naturwissenschaft haben wir "ISI web of knowledge". Das Werkzeug der Exzellentiokratur ist die nur scheinbar objektive Metrik in Form des Impaktfaktors, die Drachensaat des Herrn Dr. Eugene Garfield.

Der zu entzaubernde Mythos der Objektivität durch Metrik besteht darin, dass die Komponenten für die verwendete Metrik keine objektiven Kriterien außer wenigen, in ihrer Bedeutung drastisch überhöhten Maßzahlen, welche aus der wechselseitigen Zitation in akzeptierten Strickleitersystemen kommen, beinhalten. Dies wurde bereit mehrfach diskutiert und belegt. Welche Konsequenzen zog die Universität Wien? Gar keine, soweit erkennbar.

Qualität der Lehre

So wird in den Naturwissenschaften gerne dieser Faktor als Qualitätsmaß herangezogen, die Qualität der Lehre aber kaum. Tatsächlich relevante Kriterien wie Innovativität, didaktische Strukturiertheit oder Motivation zum selbständigen Denken bzw. auch ökologische Nachhaltigkeit bleiben, da schwerer messbar, komplett außen vor. Hier besteht akuter Nachholbedarf! Selbst der Nobelpreis, einst objektive Auszeichnung für das Finden von Erklärungen oder Mechanismen für zentral wichtige Phänomene, ist heute längst zum Strickleitersystempreis pervertiert worden. Originalität ist unerwünscht. Alles was den Mainstream in Frage stellt oder in unabhängiger Affiliierung erarbeitet wird, ist heute extrem schwer publizierbar geworden.

Qualitätssicherung durch Zählen nicht adäquater bzw. zu weniger Parameter ist logischerweise keine hinreichende Methode, sondern erzeugt irrelevantes oder zumindest unvollständiges Datenmaterial, das somit als Entscheidungsgrundlage ungeeignet ist und in eine falsche Richtung weist wie ein falsches Korrelationsmodell. Dabei fällt auch der nicht metrisch erfassbare sozio-kulturelle Auftrag der Universitäten komplett unter den Tisch. Und dennoch ist die Impaktmetrik derzeit die Basis der universitätspolitischen Entscheidungen, nicht nur an der Universität Wien.

Verehrung anglo-amerikanischer Exzellenz

Dies geht einher mit beinahe götzenhafter Verehrung besonders anglo-amerikanischer Exzellenz und der grotesk anmutenden Geringschätzung einer (an einer Stelle) im Lande selbst erworbenen Qualität. Dies geht so weit, dass an der Universität Wien bestens integrierte und reichlich Drittmittel einwerbende Personen keine permanente Position bzw. Entfristung bekommen, weil sie vorgeblich nicht exzellent genug seien, und dann aber etwa in Göttingen oder Berlin sehr wohl für eine Professur berufen werden! Einmal im Leben müsse man Österreich verlassen, so das Credo. Dabei ist doch hinlänglich bekannt, dass der Erwerb von Erfahrung im Ausland längst nicht mehr an eine Stelle im Ausland gebunden ist, sondern ebenso in Kooperation mit Projektpartnern erworben werden kann bzw. im Laufe der Prädoc- Zeit ohnehin auch erworben wird. 

Ehrliche Evaluierung

So kann einE WissenschafterIn an einer Stelle im Inland de facto mehr Erfahrung erwerben als eine Person im Ausland. Das geht aber in die Köpfe der JugendquälerInnen und GralshüterInnen der Exzellenz nicht hinein. Was hier fehlt, ist eben eine robuste, ehrliche Evaluierung, zu der sich die Universität niemals durchgerungen hat. Vetternwirtschaft und strategische Professurenplanung durch Machtmenschen machten dies bisher unmöglich. Hoc volo, sic iubeo, pro ratio sit voluntas.

Der "Paradigmenwechsel" stellt sich schlicht so dar: eine Gesellschaft frei denkender, aufgeklärter Menschen wird zu einem Markt von brav konsumierenden, rücksichtslosen, Exzellenzdogmata und Werbungsfloskeln nachbetenden, angsterfüllten Sklaven, welche, wie Cato der Ältere sagte, die Vergangenheit bedauern, die Gegenwart bejammern und die Zukunft zu Recht fürchten, da die Alten sich in unserer Gesellschaft still zu entmaterialisieren haben.

In unserer Gesellschaft allgemein verschwinden humanistisch demokratische Gruppierungen zugunsten von willfährigen oder durch Leistungsdruck manipulierten Garanten eines längst kontraproduktiven Wirtschaftswachstums anachronistischer Produkte. Im Bildungswesen gibt es enormen Druck zu einem Trend weg vom aufgeklärt verantwortungsvoll agierenden Menschen zum metrisch beglaubigten Exzellenten ohne humanistisch ökologische Verpflichtung oder philosophische Bildung.

Angst um die Kinder

In den künftigen Exzellentiokraturen konsumieren dann wohl Kurzzeitexzellente knapp vor dem kollektiven Burnout so genannte exzellente Produkte und Dienstleistungen und überhöhen mit aufgesetzt positivistischem Exzellentenvokabular ihre in Wahrheit prekäre Existenz als Herausforderung. In immer kleineren "funktional optimalen" Räumen mit bestem "hospitality value" werden die Exzellenten in spe zusammengepfercht und auf Überleben durch Rücksichtslosigkeit und Wahrnehmungsverweigerung geprägt. In Existenzanalyse geschulte Psychiater werden ungeahnte Märkte vorfinden. Wenn ich daran denke, dass meine Kinder so aufwachsen und studieren sollen, habe ich Angst um sie.

Es bleibt die Frage: cui bono? Wer schöpft den kurzfristigen Mehrwert des methodischen Wahnsinns? Wir alle oder Oligarchen und geschickte Opportunisten? Die Antwort ist klar: Oligarchen manipulieren Opportunisten und seelisch gestrandete Existenzen bzw. erpressen vernünftige Menschen, an der Basis des Bildungswesens Strukturen zu schaffen, welche die so genannten Märkte in ihrem unmündigen subalternen Dämmerdasein zementieren.

Jedoch: in neoliberaler Rücksichtslosigkeit werden wir uns stärkeren Konkurrenten gegenübersehen. China hat beispielsweise Ungarn und weite Teile Afrikas bereits de facto gekauft. Die USA manipulieren mit ihren Rating-Agenturen unsere Lebensbasis. Könnte nicht eine Rückbesinnung auf humanistisch gefestigte Kultur und Bildung Europas davor besser schützen als perspektiveloses Nachahmen von fehlgeschlagenen Strategien wie des Tagtraumes von der "Weltspitze" à la Harvard?

Gegen Gebäudepoker

Hier muss eine Universität doch gegensteuern können. Und dazu brauchen wir Demokratie in Form einer Partizipation mit adäquatem Faculty-Modell anstatt dem gescheiterten bisherigen Direktionismus, und selbstbestimmtes, mit Augenmaß leistungsüberprüftes Studieren an der Universität, sowie Entwicklungsperspektiven an funktionell adäquaten Standorten anstatt Gebäudepoker mit BIG und Raika. (Gert Bachmann, derStandard.at, 22.5.2013)

Gert Bachmann ist Assistenzprofessor am Zentrum für Ökologie der Fakultät für Lebenswissenschaften der Universität Wien und forscht an den biochemischen und elektrochemischen Mechanismen der Zusammenarbeit und Konkurrenz zwischen den Organismen im Wurzelraum von Pflanzen. Er ist Betriebsrat und dort für die Bereiche Raum-, Bau- und Sanierungsfragen sowie den ArbeitnehmerInnenschutz zuständig. Er ist Gründungsmitglied der Sektion Bodenbiologie der Österreichischen bodenkundlichen Gesellschaft.

  • Höher, weiter, schneller. In den künftigen Exzellentiokraturen konsumieren Kurzzeitexzellente knapp vor dem kollektiven Burnout so genannte exzellente Produkte und Dienstleistungen.

    Höher, weiter, schneller. In den künftigen Exzellentiokraturen konsumieren Kurzzeitexzellente knapp vor dem kollektiven Burnout so genannte exzellente Produkte und Dienstleistungen.

  • Gert Bachmann ist Assistenzprofessor am Zentrum für Ökologie der Fakultät für Lebenswissenschaften der Universität Wien.
    foto: privat

    Gert Bachmann ist Assistenzprofessor am Zentrum für Ökologie der Fakultät für Lebenswissenschaften der Universität Wien.

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