Deutsche Schriftstellerin Sarah Kirsch gestorben

22. Mai 2013, 19:28
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Die vielfach ausgezeichnete Lyrikerin wurde nach ihrer Ausbürgerung aus der DDR 1977 in Schleswig-Holstein heimisch

München - In einem ihrer Gedichte schrieb die deutsche Dichterin Sarah Kirsch: "Ich kannte nur mich und das war zu wenig. / Saß da / mit mir auf der Bank ich in der Mitte ich rechts von mir / Und links auch noch (...)." Früh schon hat sich Sarah Kirsch in ihrer von Knappheit geprägten Lyrik mit jenem speziellen Wunsch nach Alleinsein auseinandergesetzt, dessen Kern die Sehnsucht nach Gesellschaft ist. Dazu thematisierte sie die Einsamkeit und die Strategien, wie sie sich ertragen lässt, sowie die Mühsal, sich in einer heillosen Welt zurechtzufinden. Nicht zuletzt brauche es für Letzteres, so Kirsch, " viel zärtliche Demut" - und ein "gerüttelt Maß wahnsinniger Zuneigung".

1935 in Limlingerode im nördlichen Thüringen als Ingrid Hella Irmelinde Bernstein geboren, studierte Sarah Kirsch zunächst in Halle Biologie, bevor sie mit ihrem Mann, dem Lyriker Rainer Kirsch (mit dem sie von 1960 bis 1968 verheiratet war) am Johannes-R.-Becher-Literaturinstitut in Leipzig studierte. Das Pseudonym Sarah nahm sie schon vor ihrem ersten Gedichtband Landaufenthalt (1967) aus Protest gegen den Holocaust im Dritten Reich an.

Mit Lyrikbänden wie Zaubersprüche (1973), kürzerer Prosa und Übersetzungen (u. a. Anna Achmatowas) sorgte die mittlerweile nach Ostberlin übersiedelte Autorin für Aufsehen. 1976 wurde Kirsch - sie gehörte zu den ersten Kritikern der Ausbürgerung Wolf Biermanns - aus dem Schriftstellerverband der DDR ausgeschlossen. 1977 zog sie mit ihrem Sohn nach Westberlin, wo sie ihren Ruf als eine der bedeutendsten Lyrikerinnen deutscher Sprache weiter festigte.

Naturbetrachtungen, aber auch ein präziser Blick auf gesellschaftliche Wirklichkeiten zogen sich bis zum letzten Buch Märzveilchen (2012), einem Band mit tagebuchartigen Notizen, durch das Werk dieser Autorin. Kirsch verfügte zudem über ein für Unrecht, Schmerz und Rücksichtslosigkeit geschärftes Auge. Erinnerungen seien wichtig, sie könnten, so Kirsch, aber auch lähmen - vor allem dann, wenn man etwas erst dann sehe, wenn es vorbei sei. Sarah Kirsch starb, wie ihr Verlag meldet, am 5. Mai nach kurzer Krankheit in Schleswig-Holstein, wo sie seit langem lebte.  (Stefan Gmünder, DER STANDARD, 23.5.2013)

  • Viel zärtliche Demut: Sarah Kirsch im Jahr 2006.
    foto: epa/ingo wagner

    Viel zärtliche Demut: Sarah Kirsch im Jahr 2006.

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