Vergewaltigungen in Indien: "Wie konnten wir so tief fallen?"

Interview22. Mai 2013, 12:33
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Saransh Dua hat vor zwei Jahren GotStared.at gegründet, um jungen Leuten zu vermitteln, dass sexuelle Belästigung und sexistische Witze nicht cool sind

Die Vergewaltigung einer Fünfjährigen und der Mord an einer 23-jährigen Studentin in Indien haben in den vergangenen Monaten weltweit für Empörung gesorgt. Die indische Onlineplattform GotStared.at kämpft seit mehr als zwei Jahren mit aufrüttelten Slogans für einen Wandel im Bewusstsein der indischen Gesellschaft. Im Interview spricht GotStared.at-Gründer Saransh Dua über die Hintergründe der aktuellen Eskalation, die Ignoranz der Behörden und das Potenzial sozialer Medien zur gesellschaftlichen Veränderung.

dieStandard.at: Welche Ausmaße hat das Problem der sexuellen Gewalt gegen Frauen in der indischen Gesellschaft?

Dua: Richtig ist, dass es sich bei den jüngsten Verbrechen um Fälle handelt, die uns auf Grund ihrer ganz besonderen Brutalität tief erschüttert haben. Das sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir es mit einem tiefgreifenden gesellschaftlichen Problem zu tun haben. In Indiens Städten passieren jeden Tag hunderte Vergewaltigungen, ganz zu schweigen von der sexuellen Belästigung, mit der indische Frauen Tag für Tag konfrontiert sind.

dieStandard.at: Wie beurteilen Sie die Hintergründe der anhaltenden Gewalt?

Dua: Das Problem ist enorm komplex. Zum Teil ist die aktuelle Eskalation paradoxerweise vielleicht das Resultat rapider Urbanisierungs- und Modernisierungsprozesse: In den vergangenen 30 Jahren hat Indien wie viele andere Länder enorme Modernisierungsprozesse erlebt, die auch die Rolle der Frauen in der Gesellschaft drastisch verändert haben. In den Zentren Indiens arbeiten Frauen in den gleichen Jobs wie Männer und fordern zu Recht selbstbewusst gesellschaftliche Gleichberechtigung ein.

Zugleich haben viele junge Männer - beispielsweise aus den ländlichen Gebieten Nordindiens - mit dieser gesellschaftlichen Modernisierung nicht schrittgehalten. Sie kommen aus einem Umfeld, in dem Frauen im Hintergrund stehen, sexistische Witze als "cool" gelten und Gewalt gegen Frauen toleriert oder sogar gutgeheißen wird. In den Städten trifft das Weltbild dieser Männer nun mit voller Wucht auf eine moderne Welt, in der Frauen versuchen, gleichberechtigt zu leben. Verschärft wird die Situation durch die vollkommen falschen Reaktionen der Behörden, die das Problem ignorieren, herunterspielen oder im schlimmsten Fall sogar gut heißen.

dieStandard.at: Die beschriebenen Modernisierungsprozesse sind aber in vielen Gesellschaften zu beobachten. Geht es bei dieser Form der Gewalt gegen Frauen wirklich um Tradition versus Modernisierung?

Dua: Tradition ist aus meiner Sicht das falsche Wort, denn es gibt meines Wissens in keiner Kultur der Welt eine Tradition, die es gutheißt, dass Frauen systematisch belästigt und missbraucht werden. Wie gesagt, das Problem ist sehr facettenreich. Klar ist, dass es neben dem klaren Durchgreifen der Behörden endlich einen Wandel im Bewusstsein unserer Gesellschaft braucht. Das ist auch der zentrale Ansatzpunkt der Onlineplattform GotStared.at.

dieStandard.at: Welche Ziele verfolgt das Projekt?

Dua: Die ursprüngliche Idee hinter GotStared.at ist sehr einfach. Von indischen Medien und Behörden hört man oft, dass Mädchen und Frauen deshalb sexuell belästigt werden, weil sie zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort waren oder weil sie sich unangemessen gekleidet haben. Diese Aussagen halten wir für unerträglich, weil wir der Meinung sind, dass jeder und jede das Recht haben sollte, sich frei zu bewegen und die Kleidung zu tragen, die er oder sie möchte. Deshalb haben wir zu Beginn Frauen dazu aufgerufen, in unserem Blog ein Foto der Kleidung zu posten, die sie getragen haben, als sie belästigt wurden.

Unser Ziel war es, unter dem Motto "It's not your fault!" ein Gegengewicht zur herrschenden Meinung zu schaffen. Interessanterweise haben wir bald die Beobachtung gemacht, dass 90 Prozent der Frauen traditionelle Kleidung getragen haben, als sie sexuell belästigt wurden. Daraus konnten wir die Schlussfolgerung ziehen, dass es nicht die Kleidung sein kann, die diese Gewalt gegen Frauen auslöst. Dieser Blog war eine Art Initialzündung für unser Projekt. Als nächstes haben wir verschiedene Posterkampagnen entwickelt, um in sozialen Medien auf das Problem aufmerksam zu machen. Daraus hat sich die Plattform in ihrer jetzigen Form entwickelt.

dieStandard.at: Es geht Ihnen also in erster Linie um die Sichtbarmachung des Problems?

Dua: Es geht vor allem darum, eine Gegenkultur zu entwickeln. Wir wollen jungen Menschen vermitteln, dass sexuelle Belästigung nicht akzeptabel ist, dass sexistische Witze nicht cool sind. Wir wollen dazu aufrufen, sich gegenseitig mit Würde und Respekt begegnen. Und wir wollen dazu beitragen, dass die Behörden endlich ihre Verantwortung übernehmen und sich dem Problem stellen.

dieStandard.at: Sind ihre Messages auch außerhalb der sozialen Medien sichtbar?

Dua: Wir verbreiten unsere Poster in erster Linie über soziale Netzwerke, weil wir dort auf die Zielgruppe treffen, die wir mit unseren Botschaften erreichen wollen. Mittlerweile sind unsere Poster aber so erfolgreich, dass wir ihnen immer wieder auf großen Protestveranstaltungen begegnen - für mich ist das ein Zeichen, dass die Botschaft aus den sozialen Medien im öffentlichen Raum ankommt.  Außerdem veranstalten wir regelmäßig Workshops an Universitäten und wir beteiligen uns aktiv an Protestveranstaltungen und Kampagnen, wie etwa der Anti-Harassment Week 2013.

dieStandard.at: Wie beurteilen Sie die Reaktionen der Behörden nach den dramatischen Ereignissen der vergangenen Monate?

Dua: Ich halte die Reaktionen für absolut nicht ausreichend. Ganz einfach weil die Behörden es nicht schaffen, die Gewalt gegen Frauen einzudämmen. Unser gesamtes System befindet sich im Ausnahmezustand. Wir müssen mitansehen, wie unsere Gesellschaft Tag für Tag inhumaner wird. Die Polizei ist vollkommen überfordert und tausende Fälle verstauben in den Schubladen. Darüber hinaus senden die Behörden völlig falsche Signale: Sie versuchen eine Vergewaltigung dadurch zu verhindern, dass sie den Mädchen sagen "Seid vorsichtig!", anstatt sich darum zu kümmern, die Täter ausfindig zu machen. Dabei müsste genau das Gegenteil passieren: Eine Frau sollte in der Lage sein, sich überall hin zu begeben und es ist die Aufgabe der Behörden, dafür zu sorgen, dass sie dabei sicher ist.

dieStandard.at: Die jüngsten Fälle haben zu enormen Unruhen vor allem in Neu Delhi geführt. Ist das nicht zumindest ein gutes Zeichen, dass sich die Bevölkerung eine Veränderung der Situation wünscht?

Dua: Was derzeit in Indien passiert - und zwar nicht nur in Neu Delhi - ist ein gewaltiger Aufschrei. Vielen Menschen war das Ausmaß der sexuellen Gewalt bisher egal oder sie haben einfach gelernt, damit zu leben, anstatt sich zu empören. Nun wachen viele auf und sagen: "Wie konnten wir so tief fallen? Sind wir wirklich so tief unten angekommen?" Viele haben nun genug, organisieren sich online und treffen sich dann an öffentlichen Orten zu Protesten. Unglücklicherweise hat sich der Protest in den vergangenen Monaten zum Austragungsort politischer Partikularinteressen entwickelt und es kam zur Gewalt und Ausschreitungen. Doch ich bin trotzdem der Meinung, dass die Proteste diesmal nicht enden werden, bis es substanzielle Zusagen für Veränderungen gibt.

dieStandard.at: Was fordern die DemonstrantInnen?

Dua: Es gibt den Ruf nach einer verstärkten Polizeipräsenz und drakonischen Strafen - bis hin zur Todesstrafe. GotStared.at spricht sich aber ausdrücklich gegen die Todesstrafe aus. Und wir halten einen Ansatz, der sich nur mit der Frage der Bestrafung beschäftigt, für nicht ausreichend. Natürlich muss die Verfolgung von Tätern sichergestellt werden. Darüber hinaus fordern wir aber tiefgreifende, strukturelle Veränderungen - sowohl in den Behörden als auch in der Zivilgesellschaft. Echte Veränderung beginnt, wenn Täter bestraft werden und wenn die Gesellschaft beginnt, über das Thema zu sprechen. Die Menschen müssen immer wieder mit dem Problem konfrontiert werden und es muss ein Bewusstsein dafür geschaffen werden, dass Vergewaltigungen und sexuelle Belästigung keine Schande für die Opfer, sondern für die Täter sind. Davon sind wir noch meilenweit entfernt. Man muss sich das nur einmal vorstellen: In zahlreichen Gemeinden treten stadtbekannte Vergewaltiger vollkommen selbstverständlich zu Wahlen an. Diese Situation ist unerträglich.

dieStandard.at: Im Jahr 2012 wurde GotStared.at beim UN-basierten World Summit Youth Award (WSYA) ausgezeichnet. Welche Rolle können soziale Medien bei der Bewusstseinsbildung spielen?

Dua: Ich denke der Einfluss sozialer Medien ist sehr groß und wird weiter wachsen. Über Facebook, Twitter und Blogs erreichen wir junge Menschen, die wir mit traditionellen Medien nicht erreichen würden. Aus dieser Sicht sind Facebook und Co. ein wunderbares Geschenk des Silicon Valley. Tausende junge Menschen, die nie eine Zeitung lesen, nutzen sozial Medien jeden Tag und vernetzen sich online. Dadurch erzielen wir einen gewaltigen Effekt, der in mancherlei Hinsicht stärker ist als jeder Kerzenmarsch und jeder Workshop. (Matthias Gruber, dieStandard.at, 22.5.2013)

Saransh Dua ist Internetaktivist, Mitbegründer der Plattform gotstared.at und Leiter eines staatlichen Schulförderungsprogramms für die Regierung des indischen Bundesstaats Haryana.

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  • Saransh Dua: "Es gibt in keiner Kultur der Welt eine Tradition, die es gutheißt, dass Frauen systematisch belästigt und missbraucht werden."
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