"Über die Erziehung" am Prüfstand

22. Mai 2013, 09:57
5 Postings

Wenn Erwachsene über die Jugend von heute schreiben ...

"Wenn der Vater seinem Sohn mit 14 den ersten Vollrausch versetzt, wird dieser im weiteren Leben keinen Alkohol mehr trinken."

Über die Wirksamkeit solcher "Pädagogik" lässt sich streiten. Es ist zwar gut möglich, dass einem Jugendlichen durch den ersten Vollrausch die Lust am Alkohol vergeht; und auch die Wahrscheinlichkeit, dass der Rausch böser endet als mit Kopfweh und Übelkeit, ist sicherlich geringer, wenn man mit dem eigenen Vater trinkt statt mit Gleichaltrigen. Nichtsdestotrotz eine unmoralische Art der Erziehung.

"Gruppenarbeiten sind sinnlos und werden von Schülern gehasst, weil sie merken, dass nur der Trottel in der Gruppe die Arbeit macht."

Der Trottel ist aber gleichzeitig der Klügste in der Gruppe, so paradox das klingt. Gehasst werden Gruppenarbeiten wirklich, doch was wäre die Alternative? Der gute, alte Frontalunterricht - und dabei macht sogar der Trottel selten die Arbeit. Insofern lernt so zumindest ein Schüler was dazu.

"Das Problem ist, dass man meist erzogen wird, ohne dass man sich das je gewünscht hätte."

In vielen Beziehungen möchte man früher oder später den anderen erziehen. Doch woher nimmt ein Erwachsener das Recht, sein Gegenüber zu erziehen? Bereits Lessing wollte die Menschheit mit seinen Stücken erziehen - und ist daran gescheitert.

"Wenn ich von meinem Kind einen Nutzen haben möchte, dann muss ich es erziehen, es formen, wie ich es haben will, es zusammenstutzen und einschränken."

Interpretiert man Nutzen als Verdienst im Erwachsenenleben - sprich Prestige und Geld -, so ist diese Aussage schlicht falsch. Zwar kann man sein Kind zu einem bestimmten Beruf "hinerziehen", jedoch ist es wesentlich erfolgversprechender, wenn man genau das Gegenteil macht und ihm alle Möglichkeiten offenlässt. Dadurch kann es sich etwas aussuchen, das ihm Spaß bereitet, was dann oft auch Erfolg mit sich bringt. Zudem achten Jugendliche ohnehin längst auf den Ertrag, den ihr Beruf einbringt. Schließlich leben wir in einer kapitalistischen Welt.

"Begeisterung spornt an."

Die besten Lehrer sind ohne Zweifel diejenigen, die quasi für ein Fach leben und sich auch außerhalb der Schule dafür interessieren. Der Funke der Begeisterung springt bei ihnen im Klassenzimmer bildhaft über. Glücklicherweise ist diese Sorte Lehrer noch nicht ausgestorben. (Philipp Koch/Sarah Lehner, DER STANDARD, 22.5.2013)

Roland Düringer, Eugen Maria Schulak, Rahim Taghizadegan
Über die Erziehung
Ecowin-Verlag 2013
192 Seiten, 15,90 Euro

Share if you care.