"Blödheit der Alten überträgt sich auf die Jungen"

Interview22. Mai 2013, 09:53
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Roland Düringer ist der Ansicht, dass die Erziehung den Menschen vertrotteln lässt. Anlässlich seines neuen Buches sprach Jakob Wasshuber mit ihm über Systemidioten, seinen alten Mathelehrer und darüber, warum unsere Bildung in Wahrheit reine Ausbildung ist

STANDARD: Zu Beginn Ihres neuen Buches "Über die Erziehung" danken Sie all jenen, die Sie erzogen haben - auch den Trotteln und Arschlöchern, von denen Sie gelernt haben, wie es nicht geht. Wen meinen Sie damit?

Düringer: Das waren teilweise Lehrer, Nachbarn oder sogar Spielkameraden im Park, die ja auch probieren, einen zu erziehen. Als Kind spürt man das sofort. Man kann gut durchschauen, wie jemand funktioniert und was der eigentlich wirklich will.

STANDARD: In Ihrer Schulzeit haben Sie verschiedene Taktiken angewandt, um Lehrer vom Stoff abzulenken. Den Mathematiklehrer etwa baten Sie, immer wieder die gleiche Geschichte vom Gurkeneinlegen zu erzählen. Wie haben Sie das erreicht?

Düringer: Das war von Lehrer zu Lehrer verschieden. Als Kind schaut man zuerst einmal, auf was der Lehrer anspringt und wofür er sich wirklich begeistert. Unser Mathematiklehrer war übrigens ein guter Lehrer, da er für wahnsinnig viele Sachen Begeisterung gehabt hat und sich auch gut ausgekannt hat. Von ihm konnten wir generell sehr viel lernen, was vor allem bei mir teils wichtiger war als die Mathematik selbst.

STANDARD: Genau daran würde es laut Ihnen in unserem Schulsystem mangeln: die Kunst, in den Schülern Begeisterung zu wecken. Liegt das wirklich nur an den Lehrern?

Düringer: Die Begeisterung kommt schon auch von den Schülern. Die meisten sind etwa furchtbar begeistert von ihren Smartphones. Der Lehrer müsste also dieselbe Fähigkeit haben wie diese depperten Smartphones. Die Schüler zu begeistern geht aber nur, wenn der Lehrer selbst von seinem Fach begeistert ist. Solch ein Lehrer wird ganz anders unterrichten als einer, dem sein Fach egal ist.

STANDARD: Ergo wird es heutzutage immer schwieriger für die Lehrer, da sie im Unterricht gegen Facebook und Co ankämpfen müssen. Mit wem oder was mussten die Lehrer zu Ihrer Schulzeit um die Aufmerksamkeit der Schüler buhlen?

Düringer: Da hat es nicht so viel Ablenkung gegeben - am ehesten noch die Leberkässemmel und das Cola, die wir in der letzten Reihe verzehrt haben.

STANDARD: In Ihrer "Wutrede" von 2011 haben Sie gemeint, dass wir kein Bildungs- sondern ein Ausbildungssystem haben. Was ist der Unterschied?

Düringer: Bilden heißt sich formen, gedeihen und anders denken können. Bei der Ausbildung ist es - wie der Name schon sagt - aus mit der Bildung. Da geht's einzig darum, später einmal systemorientiert zu funktionieren. Eine Ausbildung ist aber an sich nichts Schlechtes. Wenn ich mich zum Piloten ausbilden lasse, dann ist das durchaus sinnvoll. Aber kein Pilot glaubt, dass, wenn er fliegen lernt, das eine Bildung ist. Uns wird vorgegaukelt, dass wir ein Bildungssystem haben, welches aber von Anfang an ein Ausbildungssystem ist.

STANDARD: Einer der Mitautoren des Buches, der Philosoph Eugen Maria Schulak, behauptet, dass weder Fabriken, Bürogebäude noch Armeen denkbar wären ohne die unzähligen gleichförmig abgerichteten Menschen. Ist die Erziehung solcher Menschen dennoch wichtig für die Gesellschaft?

Düringer: Systemidioten abzurichten, die zu allem Ja und Amen sagen, dient weder dem Einzelnen noch der Gesellschaft.

STANDARD: Sie behaupten, "dass die Erziehung die Menschen vertrottelt" und fragen sich, woher all die vertrottelten Erwachsenen herkommen.

Düringer: Es kommt ja schließlich keiner blöd auf die Welt. Vertrottelte sind die, die den anderen hinterhertrotten und nicht erkennen, dass es ihnen schlecht dabei geht. Ein Beispiel: Jemand hat einmal einen Rausch gehabt und musste furchtbar speiben. Und nur weil die anderen "Komm, jetzt trink' ma wieder was" sagen, macht er trotzdem wieder mit. So jemand hat durch seine Erfahrung überhaupt keine Erkenntnis erlangt.

STANDARD: Die Kinder werden zu einer neuen Generation von Pflichterfüllern erzogen. Wie durchbricht man diesen Teufelskreis?

Düringer: Bis jetzt haben wir noch keine Lösung gefunden. Es wird wohl immer so weitergehen, dass sich die Blödheit der Alten auf die Jungen überträgt. (Jakob Wasshuber, DER STANDARD, 22.5.2013)

Roland Düringer (49) ist Kabarettist und Schauspieler. Die Verfilmung seines Programms "Hinterholz 8" war 1998 die erfolgreichste heimische Kinoproduktion des Jahres.

  • Aß als Schüler heimlich in der letzten Reihe seine Leberkässemmel: Roland Düringer.
    foto: standard/newald

    Aß als Schüler heimlich in der letzten Reihe seine Leberkässemmel: Roland Düringer.

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