Zagreb ist reif für die Party

Blog22. Mai 2013, 10:17
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Jetzt ist ja Zagreb nicht unbedingt als Partystadt bekannt. Und es gibt gar nicht so wenige junge Menschen, die am Wochenende zum Partymachen nach Belgrad fahren, auch wenn das nicht alle so offen gegenüber ihren Eltern zugeben, um politische Diskussionen zu vermeiden. Im Prinzip weiß man aber in der kroatischen Hauptstadt, dass die Sause woanders abgeht. Doch das gibt einem in der Zwischenzeit die Möglichkeit, ganz ohne Stress, trotzdem zu feiern.

Zum Beispiel im Jabuka, der Disco namens "Apfel", oben auf dem Hügel über der Altstadt. Am Wochenende hat man im Jabuka allerdings manchmal das Gefühl, dass man sich in einem sehr beengten Obstkeller befindet, wo die Äpfelchen so nahe beieinander liegen, dass es nicht mal mehr kuschelig ist. Denn auch zum Kuscheln braucht man Platz. Und den hat man nicht, weil auf der Tanzfläche um jeden Zentimeter gekämpft wird. Deshalb ist man zuweilen froh, wenn man nach draußen kommt und in einer der Seilbahnkabinen, die im Hof stehen, ein bisschen Luft schnappen kann. Ist die kroatische Hauptstadt gewappnet für die Partywünsche anderer Europäer? Ja. Zumindest, wenn es warm ist und man draußen sein kann.

Die Purger von Zagreb

Zagreb ist eine mitteleuropäische Stadt, bevölkert von "Purgern", wie die Stadtbewohner hier heißen, die im Winter in einen tiefen Schlaf versinken und sich erst im Frühling daran erinnern, dass sie doch keine Mitteleuropäer sind und auf der Straße leben wollen, wie die Südeuropäer. Dann beginnen die Zagreber ihr zweites Leben und dann ist alles gut, weil die Stadt zu einem einzigen großen Caféhaus wird, wobei die Frage, wo um alles in der Welt eine solche Menge an hässlichen, eigentlich zu großen Plastikstühlen produziert werden kann, nicht nur für Zagreb, sondern für ganz Südosteuropa vorerst ungeklärt bleiben wird. Wo werden alle diese Sessel eigentlich im Winter gelagert? Gibt es da einen geheimen riesigen Bunker unter dem Mittelmeer?

Zufluchtsort Nummer eins für alle, die in Zagreb der Welt nahe sein wollen, ist das Močvara, ähnlich vielleicht wie das Flex in Wien, direkt an der Sava gelegen, wo internationale Musiker spielen und das Publikum sehr entspannt ist. Man kann nach dem Tanzen und vor dem Tanzen an der Sava herumspazieren, wo sogar ein bisschen Kunst herumsteht. "Du kannst das Kunst nennen! Ich nenne das Frösche!", sagte Marko letztens zu den Skulpturen, die da an der Flusspromenade zu sehen sind. Das Močvara ist irgendwie auch wie eine Insel, auf der man zufällig strandet, weil es an einem dieser Unorte der Stadt liegt, knapp rechts neben der Brücke, die hinüber in die Neustadt führt, nach Novi Zagreb. Eigentlich kommt man nur mit dem Auto hierher.

 Karlovačko oder Ožujsko

Gute Konzerte gibt es auch im Sax und in der Tvornica Kulture. Zu den Freiräumen in der künftig 28. EU-Hauptstadt zählt auch das Café Europa, gleich vor dem Kino Europa, wo sämtliche wichtige Filmfestivals der Region stattfinden, das Berka, das Booksa, das Peron 8, das KIC, wo sich Schwule und Lesben wohl fühlen, das Krivi Put (heute Savsksa 14), das Kino Grič, das Limb in der Nähe der Uni, wo man unter großen Pappmascheebrüsten herumsitzt, die aus der Wand herausstehen. Inseln der Freiheit sind auch das wirklich tolle neue Museum für moderne Kunst (MSU), der Künstlerverein HDLU, in Zagreb Džamija also „Moschee“ genannt, weil es als solche in der Zwischenkriegszeit gebaut wurde und das Lauba. Im Autonomen Kultur Zentrum kann man ziemlich gute DJs oder aber auch ehemalige Drogendealer und sonstige suchende Seelen kennenlernen.

Egal aber, ob in den Discos am Party-Strand vom "Zagreber Meer", dem Jarun-See, den man sich mit vielen Schwänen teilen muss oder im Alternativ-Pub: Im Bierland Kroatien ist die erste und wichtigste Frage für jeden Abend: "Točeno?" - "Vom Fass?" Anlässlich des EU-Beitritts wurde der Staat in zwei Verwaltungseinheiten geteilt: das adriatische Kroatien und das kontinentale. Was das Bier betrifft, so teilt sich das Land in die Karlovačko- und die Ožujsko-Fraktion, wobei es da weniger militant zugeht als beim Fußball. Kosten tut das Bier meist 12 Kuna (1,60 Euro).

Steuersenkung im Tourismusbereich

Immer beliebter wird auch der "Radler", denn man auch in Kroatien so nennt. Getrunken wird auch Špricer, wie der Gspritzte hier heißt, oder auch ein Gemišt, wie die Mischung genannt wird. Wenn man mit den Wirten ein bisschen besser bekannt wird, zaubern manche unter der Decke Fruchtschnäpse hervor, zum Beispiel selbst gemachten Schwarzbeerschnaps. Die richtig guten Schnäpse bekommt man - wie auch in Serbien - privat.

Schicke Vinotheken findet man eher in Istrien. Kroatien ist im kontinentalen Teil ganz eindeutig ein Bierland, obwohl es einige wunderschöne Weinstraßen in Mittelkroatien gibt. Ganz anders ist das in Dalmatien, wobei die Halbinsel Pelješac den Ruf der besten roten Weine innehat. Mit Jahresbeginn hat Kroatien auch im Tourismusbereich für Speisen und Getränke die Mehrwertsteuer von 25 auf zehn Prozent gesenkt. Man erhofft sich mehr Beschäftigung und niedrigere Preise. Bereits der vergangene Tourismussommer war der beste in der Geschichte des Landes, das seit 1991 unabhängig ist.

 Zagreb ist wie Graz

Zagreb ist nicht aufregend und trashig wie Belgrad, nicht "osmanisch" wie Sarajevo und nicht so vital wie Prishtina und Tirana. Zagreb ist wie Graz, nur mit Plattenbau. Graz mit Plattenbau und Sava und Močvara und Blaubeerschnaps. Graz mit Plattenbau, Sava, Močvara, MSU, Džamija, Blaubeerschnaps und vielen Durchzugsstraßen, die weil sie so breit sind, durchaus großzügige Urbanität vermitteln. Wenn man Zagreb ganz kurz beschreiben wollen würde, würde man vielleicht nur ein Foto eines sehr schnell vorbeifahrenden Rücklichts eines Autos zeigen: Einen roten verschwommenen, zittrigen Streifen in der Nacht. So betrachtet ist Zagreb gar nicht so spießig wie sein Ruf. (Adelheid Wölfl, derStandard.at, 22.5.2013)

  • Primetime in der Tvornica Kulture.
    foto: tvornicakulture

    Primetime in der Tvornica Kulture.

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    Großevent im Maximir-Stadion.

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