Wenn die Schäfchen das Büro verlassen

21. Mai 2013, 19:08
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Der Arbeitsplatz Büro hat immer öfter ausgedient - viele Aufgaben lassen sich virtuell unterwegs und zu Hause erledigen - Der Wissenschafter Michael Bartz erforscht das Arbeitsleben der Zukunft

Zu Hause ist es doch am schönsten: Durch den technologischen Fortschritt sind viele nicht mehr an das Büro gekettet und arbeiten immer häufiger im trauten Heim - im sogenannten "Home Office". Das Internet macht es möglich. So verändern die technischen Entwicklungen der jüngeren Vergangenheit wie etwa im Bereich der Telekommunikation oder der Datenspeicherung im Berufswesen vor allem die Abläufe des Büroalltags.

Derartige Veränderungen des Arbeitslebens untersucht der Wirtschaftswissenschafter Michael Bartz von der FH Krems. "Die Fragen, die sich stellen, sind: Wie wirken sich die Transformationsprozesse in den neuen Arbeitswelten aus, und wie sind diese Veränderungen messbar?", umreißt Bartz das Ziel seiner Forschungsarbeit, die er vergangene Woche bei einem Innovationsgespräch der Technologieagentur ZIT vorstellte.

Gerade das Phänomen Home Office ist für ihn ein zentrales Phänomen, das eine der größten Herausforderungen für die Unternehmen darstellt. Mitarbeiter werden zunehmend die Flexibilität, die die neuen Technologien bieten, in Anspruch nehmen wollen - auch, weil sich so Beruf und Familie besser in Einklang bringen lassen.

Eine Kultur des Vertrauens

Dieser Forderung werden sich Vorgesetzte und Vorstände nicht mehr lange verweigern können, auch deshalb, weil sie davon erheblich profitieren: Durchschnittlich steigt nach der Einführung des virtuellen Arbeitens im Unternehmen die Arbeitszeit um zehn bis 15 Prozent - einhergehend mit größerer Zufriedenheit der Mitarbeiter. Laut dem Institut der deutschen Wirtschaft ist von 2000 bis 2006 der Anteil der Unternehmen gestiegen, die die Arbeit außerhalb des Büros ermöglichen, von vier Prozent auf 18, 5 Prozent gestiegen. Bis zum Jahr 2020 wird ein Anteil von 81 Prozent prognostiziert.

Das wird die Art und Weise, wie am Arbeitsplatz kommuniziert und geführt wird, maßgeblich prägen. Bartz: "Langfristig wird sich jede Unternehmenskultur von einer Kultur der Kontrolle zu einer des Vertrauens verändern müssen. Es ist nicht mehr zeitgemäß, wenn Vorgesetzte ihre Schäfchen immer um sich herum haben und dabei Information als grundsätzliches Machtmittel bei der Mitarbeiterführung gebrauchen. Dieser Prozess des Loslassens ist aber nicht immer einfach. Es kann anfangs schwierig und überfordernd sein, aus der Distanz zu führen."

Vertrauen spielt auch eine Rolle beim Einsatz der Technik des Cloud-Computing zum digitalen Speichern und Abrufen von Unternehmensdaten, die langfristig Standard im Büroalltag sein wird. Noch gibt es Hemmungen, die kompletten Unternehmensdaten in die Cloud zu verfrachten.

Laut Bartz wird man aber in fünf bis acht Jahren mithilfe dieser Technologie, die den digitalen Abruf von konzerneigenen Datensätzen überall ermöglicht, auch im öffentlichen Raum arbeiten, ohne einen Computer bei sich zu haben - etwa an öffentlichen Tablet-Terminals. "Die Zeit des 'Schlepptop' ist vorbei", konstatiert er.

Jedoch verändern nicht nur neue Technologien das Arbeitsleben nachhaltig, sondern auch demografische Entwicklungen, kulturelle Veränderungen und neue Tendenzen der Unternehmensführung: Laut einer Studie der Unternehmensberatung Ernst & Young aus dem Jahr 2009 haben 70 Prozent der Konzerne Bereiche extern ausgelagert, wobei jeder fünfte plant, diesen Prozess fortzuführen. Auch haben Unternehmen immer häufiger mit externen Partnern statt mit angestellten Mitarbeitern zu tun.

Die Teilzeitarbeitsquote ist in den vergangenen 20 Jahren auf etwa 25 Prozent gestiegen. Inzwischen hat eine Million angestellte Österreicher keinen Vollzeitvertrag. Dazu kommen derzeit 225.000 Ein-Personen-Unternehmen. Daher können Firmen nicht mehr so hierarchisch geführt werden wie früher. Bartz vergleicht diese Arbeitsweise mit einem gut koordinierten Fischschwarm.

Auf Bartz' Forschungen greifen auch die Unternehmen selbst zurück: " Moderne Arbeitsweisen einzuführen kann nicht kurzfristig geschehen. Wir begleiten solche Umwandlungsprozesse und können schon während der Umgestaltung eingreifen, um fehlgeleitete Veränderungen im Vorhinein zu korrigieren." So unterstützte der Forscher über drei Jahre hinweg die Einrichtung des neuen Wiener Büros von Microsoft.

Kreativität braucht Nähe

Konkret zieht Bartz seine Erkenntnisse aus Onlinebefragungen, persönlichen Tiefeninterviews und der Analyse von Betriebsdaten. Bei den Interviews arbeitet Bartz mit den Arbeitswissenschafterinnen Sabine Köszegi und Martina-Hartner Tiefenthaler von der TU Wien zusammen. Des weiteren untersucht Bartz' Ehefrau Karen in Zusammenarbeit mit Michael Kundi an der Med-Uni Wien die gesundheitlichen Folgen von Bewegungsabläufen im Büro. Ausgehend von den Erkenntnissen verdreifachte Microsoft im neuem Büro die Anzahl der Gemeinschaftsräume, während die Gesamtfläche reduziert wurde, was Kosten spart.

In Zukunft werden wir aber nicht nur daheimsitzen. Unlängst untersagte Yahoo-Geschäftsführerin Marissa Mayer die Home-Office-Arbeit und beorderte alle Mitarbeiter ins Büro zurück - laut Bartz die richtige Entscheidung: "In den Bereichen, wo das kreative Arbeiten im Mittelpunkt steht, ist physische Nähe enorm wichtig. Das kann keine Videokonferenz ersetzen. Gruppenprozesse wie Brainstormings funktionieren erheblich besser, wenn man sich dabei wirklich in die Augen schaut." (Johannes Lau, DER STANDARD, 22.5.2013)

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    Der Büroangestellte der Zukunft braucht keinen festen Schreibtisch.

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