Maturageschichten

Einserkastl21. Mai 2013, 18:40
85 Postings

Ohne Schwindeln wäre er durchgefallen. Ein Wissenschafter grübelte jahrzehntelang, wie sein Leben verlaufen wäre

Ein emeritierter Wiener Universitätsprofessor, mit einer Karriere, die weit übers Universitäre und über Österreich hinausreicht, erzählte mir seine Maturageschichte, die es wert ist, weitergegeben zu werden: nicht so sehr wegen der Maturaprüfung selbst, sondern wegen des Vierteljahrhunderts, das zwischen ihr und der Auflösung der Geschichte lag. Eine gute Lektion in Daseinsbanalität.

Dieser Wissenschafter also grübelte jahrzehntelang darüber nach, wie sein Leben verlaufen wäre, wenn ihm bei seiner schriftlichen Lateinprüfung nicht zwei Schulkollegen das Maturantenleben gerettet hätten: Ohne Schwindeln wäre er durchgefallen, und er hätte, ist er überzeugt, die Matura auch später nicht mehr nachgeholt. Ein anderes Leben. Oder umgekehrt: Er steckte in einer anderen Biografie als der ihm zukommenden. Und die beiden guten Schüler waren die Geburtshelfer seines Schicksals.

Die packten beim 25. Maturajubiläum aus: Mit ihrem Latein war es auch nicht besser bestellt gewesen, dafür hatten sie Väter, die die akademische Ehre ihrer Söhne völlig ohne jene Skrupel, die den späteren Professor plagten, auf dem Altar einer sicheren Matura opferten. Sie kauften dem Herrn Direktor die Latein-Maturastelle ab. Der soll das Geld übrigens nicht in die eigene Tasche, sondern in die Schule gesteckt haben, die sein Lebenswerk war. Wobei die Produktion guter Lateiner aber offenbar nicht sein prioritäres pädagogisches Ziel war. (Gudrun Harrer, DER STANDARD, 22.5.2013)

Share if you care.