Frankreich: Betrugsprozess gegen Pharmakonzern

21. Mai 2013, 17:49
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1800 Menschen dürften an Diabetesmedikament gestorben sein

Paris - Zahllose Franzosen schluckten das Diabetesmedikament Mediator, weil die Aktivsubstanz Benfluorex im Ruf eines Hungerstillers stand. Dass die kleinen weißen Tabletten auch die Herzklappen verformen könnten, ahnten sie nicht - 1800 Patienten dürften nach Schätzungen an Mediator gestorben sein.

Auf der Anklagebank in Paris-Nanterre sitzt seit Dienstag Jacques Servier, Gründer des gleichnamigen Pharmakonzerns. Die Anklage lautet auf vorsätzlichen Betrug: Der Hersteller soll die möglichen Nebenwirkungen gekannt, aber verschwiegen haben. Mit der einstweiligen Beschränkung auf den Betrugsvorwurf erwirkten die 700 Kläger ein Schnellverfahren. Denn der 91-jährige Servier, dem wegen Betrugs vier Jahre Haft drohen, spielt auf Zeit. Am Dienstag erschien der Hauptangeklagte mit vier seiner Direktoren vor Gericht. Noch vor einigen Tagen hatte er Journalisten erklärt: "Ich pfeife auf diesen Prozess."

Ähnlich verächtlich äußerte sich Servier in den letzten Jahren über Irène Frachon, eine unabhängige Pneumologin, die den Mediator-Skandal mit ihrer Hartnäckigkeit erst enthüllt hatte. Auch Kardiologen hatten in Paris schon 1998 Alarm geschlagen; Spanien, Italien und die Schweiz verboten die Arznei 2005. In Frankreich wurde sie aber erst 2009 verboten. Servier soll bei diversen Politikern erfolgreich lobbyiert haben. (Stefan Brändle, DER STANDARD, 22.5.2013)

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