Für eine Handvoll Watt

21. Mai 2013, 17:49
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In Köstendorf in Salzburg wird mit Sonne getankt und gekühlt - In die "Smart-Grid-Gemeinde" sind Energieagenten, Elektroautos und ein Trafo, der mitdenkt, eingezogen

Ein Wirtshaus, eine frisch renovierte Kirche, Blumenkisten auf hölzernen Balkonen, ein Kriegerdenkmal: Der Dorfplatz von Köstendorf hat alles, was zu einem beschaulichen Ort im Salzburger Land gehört. Doch da ist noch mehr. Überall bedecken Kacheln aus Solarzellen die Dächer, vor vielen Einfahrten stehen kompakte Elektroautos. Köstendorf ist eine " Smart-Grid-Gemeinde", wie schon eine Zusatztafel unter dem Ortsschild verkündet.

Die 2500-Einwohner-Gemeinde ist Teil einer Modellregion, in der die Zukunft der Energieversorgung vorweggenommen werden soll. Im Vorjahr wurde etwa die Hälfte der rund 80 Haushalte im Kerngebiet mit Photovoltaikpaneelen bestückt, im März wurden 36 Elektroautos vergeben, die ein Jahr gratis benützt werden dürfen. So wird ein Szenario geschaffen, in dem der Strom in alle Richtungen fließt. Ob das örtliche, " smarte" Netz reibungslos auf die wechselnden Bedingungen reagieren kann, soll der Feldversuch zeigen.

Mit dabei bei den "Energiepionieren", wie sich die Gemeinde gern verkauft, ist die Familie Struber. Sie betreibt einen Getränkemarkt und eine kleine Garten- und Baustoffhandlung und ist Vorzeigehaushalt an diesem strahlenden Frühsommertag. "Heute produzieren wir seit halb sieben in der Früh Strom", sagt Josef Struber. "Zu Mittag waren es schon 3000 Watt."

Technik und Hausverstand

Im Haus ist ein "Energieagent" installiert, der genau auf die Bedürfnisse des Betriebs abgestimmt ist. Die beiden Elektroautos in der Garage laden nur dann, wenn genügend Strom zur Verfügung steht, zudem werden automatisch eine Wärmepumpe und der Kühlraum gesteuert. " Tagsüber, wenn mehr Strom da ist, wird weit hinunter gekühlt, sodass sich die Kälte in der Nacht hält, ohne dass man noch viel kühlen muss", gibt Rosa Stuber ein Beispiel.

Ein intelligenter Stromzähler (Smart Meter) sammelt alle dafür nötigen Daten. Mit den technischen Details selbst beschäftigt sich das Paar aber nicht. "Das sagt uns der Verstand, dass heute ein idealer Tag zum Waschen und Geschirrspülen ist", sagt Rosa Struber mit einem Blick in den blauen Himmel. Seit die Anlage im vergangenen August installiert wurde, seien sie bewusster im Umgang mit den Haushaltsgeräten, sagen die Strubers. Hauptgrund, an dem Pilotprojekt teilzunehmen, war freilich die hohe Förderung für die Solaranlage. "So günstig bekommt man das nicht mehr." Frau Struber hofft aber auch, dass die Technologien dazu beitragen, dass kein Atomstrom mehr importiert werden muss. "Es ist Sache der Politik, das mehr zu fördern."

Gleich gegenüber dem Haus der Strubers kann der neue, "intelligente" Trafo besichtigt werden, quasi das Hirn des Ortsnetzes. Ein überdimensionales Display zeigt den aktuellen Stand des Energieflusses an: Die Solarpaneele arbeiten mit 75 Prozent der Gesamtleistung und produzieren 150 Kilowatt Strom, womit 68 von insgesamt 90 ans Netz angeschlossenen Gebäuden versorgt werden können. Im Gegensatz zu herkömmlichen Transformatoren tariert der smarte Schaltkasten die Spannungsverhältnisse laufend aus - schließlich kann es sich je nach Wetterlage schnell ändern, wie viel Strom für den Eigenbedarf vorhanden ist.

Der Trafo bringt den Strom außerdem dorthin, wo er benötigt wird: "An einem schönen Sonntag, wo viel Energie erzeugt wird, viele aber gar nicht zu Hause sind, leitet das intelligente Netz den Strom zum Gasthaus weiter, wo gerade viel los ist", schildert Michael Strebl von der Salzburg AG, der im Rahmen der Smart Grids Week in Salzburg vergangene Woche zu einem Rundgang durch Köstendorf lud. "Die Nutzer sollen gar nicht so merken, was im Hintergrund abläuft", meint Bürgermeister Wolfgang Wagner, der entsprechend stolz auf seine "Zukunftswerkstatt" ist.

Zuerst muss aber im Kleinen erprobt werden, wie sich ein Niederspannungsnetz bei stark fluktuierenden Einspeisungen verhält. 1,7 Millionen Euro sind in das Projekt geflossen, der Großteil davon (900. 000 Euro) waren Förderungen vom Klima- und Energiefonds, der von Lebens- und Verkehrsministerium gespeist wird. Der Rest wurde vom Land Salzburg, dem Energieversorger Salzburg AG und Industriepartnern getragen. 150.000 Euro steuerten die Köstendorfer selbst bei.

Die "gewaltigen Förderungen" waren auch für Ria Braumann das Hauptmotiv, sich als Versuchskaninchen für den Smart-Grid-Testlauf zur Verfügung zu stellen. Mittlerweile ist die pensionierte Hauptschullehrerin auf den Geschmack gekommen: "Gestern sind 22,84 Watt hereingekommen und zehn haben wir verbraucht", berichtet sie. "Das trage ich mir alles in einen Kalender ein." Auch wenn es anfangs bei den Installationen Probleme gab und die Photovoltaikanlage erst im Oktober den Betrieb aufnehmen konnte, ist Braumann überzeugt, dass sich die Mühe gelohnt hat. Immerhin: Einen Monat hat sie schon gratis Strom bezogen.

Ein Butler für den Strom

"Es geht darum, dass die Menschen ihre Geschicke selbst in die Hand nehmen und einen Bezug zu ihrem Energieverbrauch bekommen", meint der Smart-Grid-Experte Ludwig Karg, der zahlreiche Forschungsprojekte zum Thema begleitet hat. Es habe sich gezeigt, dass sich die allerwenigsten Menschen aktiv mit ihrem Stromverbrauch auseinandersetzen wollen. " Optimal wäre ein Energiemanager, dem man wie einem Butler einmal erklärt, was man will, und dann arbeitet er automatisch."

Ein derartiges Energiemanagementsystem wird bald in einem anderen Projekt der Smart-Grid-Modellregion Salzburg in den Testbetrieb gehen: Die Wohnanlage "Rosa Zukunft" in Salzburger Stadtteil Taxham ist derzeit noch eine Baustelle, schon im Herbst sollen aber die ersten Bewohner in die insgesamt 140 Wohnungen einziehen. Die "Energiezentrale" wird dabei die Stromerzeugung und Speicherung vor Ort regulieren, Smart-Grid-fähige Haushaltsgeräte arbeiten dann, wann es am günstigsten ist. In 34 " Monitoring"-Wohnungen informieren Tablet-Computer über den Energieverbrauch. Zusätzlich werden verschiedene Farbkonzepte getestet, um herauszufinden, ob sich damit eine (energiesparende) Senkung der Raumtemperatur kompensieren lässt.

In Köstendorf ist die Hoffnung groß, dereinst als Vorbild für die Energiewende zu gelten. Bürgermeister Wagner träumt davon, dass der " Energieweg", der nun durch den Ort führt, Öko-Touristen anzieht - und sich das Konzept in ein paar Jahren großräumig durchsetzen wird. (Karin Krichmayr, DER STANDARD, 22.5.2013)

  • Fang das Licht, lautet das Motto des Vorzeigeorts Köstendorf. Rund die Hälfte der Haushalte wurde mit Solaranlagen und Elektroautos ausgestattet.
    foto: salzburg ag

    Fang das Licht, lautet das Motto des Vorzeigeorts Köstendorf. Rund die Hälfte der Haushalte wurde mit Solaranlagen und Elektroautos ausgestattet.

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